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Jan 11

Rezension – Dorfbeben (Agnes Hammer)

Weil die Großstadt zu laut ist, lebt Mattes auf dem Land bei seiner Oma. In Auroth ist es ruhig, hier passiert nichts Außergewöhnliches. Die Jungen fahren samstags kilometerweit über die Landstraße zur nächsten Driving Disco. Und am Montag gehen sie alle wieder zur Arbeit. In der Sparkasse oder beim Gemeindeamt oder hinter der Käsetheke bei REWE. Nur Mattes hat keinen ordentlichen Job. Er verdient sich ein paar Euro mit Orgelspielen in der Kirche und schreibt Songs über die Einsamkeit. Da zerreißt ein Mord das dörfliche Einerlei. Jakob Bähner, ein angesehener Bürger, wird brutal erstochen. Ausgerechnet beim Gemeindeausflug, ausgerechnet mitten in einer Chorprobe. Als Mattes sich wenig später einen Mitschnitt der Probe anhört, glaubt er, darauf Stimmen zu hören, die auf den Mörder hinweisen. Gemeinsam mit Lena, seiner nur wenige Jahre älteren Tante, macht er sich auf die Suche und stößt auf ein Geheimnis, das viele Jahre zurückzuliegen scheint.

An diesem Buch hat mich wie so oft zuerst das Cover fasziniert. Ich war mir sicher: auf den Seiten dahinter muss sich eine tolle Geschichte verbergen. Allerdings war es doch ein sehr holpriger Start mit uns beiden, aber  dazu später mehr.
Zunächst etwas zur Geschichte. Seit einiger Zeit begeistern mich ja Krimis und Thriller, die nicht in Städten spielen, sondern in kleinen Ortschaften und Dörfern. Dass in den großen Städten das Verbrechen wütet, das kann man sich leicht vorstellen, aber in augenscheinlich so friedlichen Dörfern…? Das klingt immer noch etwas abwegig. Genau deshalb ist es aber umso spannender, wenn ein Krimi oder Thriller genau dort spielt.
Auch „Dorfbeben“ nutzt diesen Faktor kräftig aus. Mattes beschreibt Auroth sehr anschaulich, so dass man schnell ein Bild dieses verschlafenen Ortes vor sich hat, er berichtet von seinem Leben dort, von seinem „Job“ als Orgelspieler in der Kirche, den Auftritten mit seiner Band, seiner Familie und solch alltäglichen Dingen wie die Kartoffel- oder Apfelernte oder eine Kaffeefahrt mit der Seniorengruppe. Da bleibt es nicht aus, dass man sich als Leser bald nach Auroth und in Mattes Leben versetzt fühlt.
Mattes betrachtet auch die Einwohner Auroths  genau, erzählt von ihrem Leben -so viel er davon weiß- von ihrer Stellung im Ort und ihren Eigenarten. Wenn man seine Schilderungen liest, vermutet man zunächst nichts Böses. Alle wirken relativ normal und zumindest mich hat der Zusammenhalt anfänglich noch beeindruckt. So etwas kennt man in der Stadt kaum noch.
Doch als dann der Mord geschieht, ist es genau dieser Zusammenhalt, der Mattes und Lena bei ihren Nachforschungen massiv im Wege steht. Dieser „Filz“ unter den Dorfbewohnern kommt dabei wirklich sehr gut rüber. Nach und nach tun sich immer neue Abgründe zwischen Autroths Einwohnern und der Geschichte des Ortes auf. Es ist spannend , gemeinsam mit Mattes und Lena in diesem -ja, man kann es schon so nennen- Sumpf aus Verschwörungen und Geheimnissen nach der Wahrheit zu forschen.
Was mir nicht so gut gefallen hat, das ist der Zeitpunkt an dem das Drama eigentlich schon seinen Anfang nahm. Mir liegen Geschichten aus dieser Zeit einfach nicht. Entsprechend habe ich die „Zwischenspiele“ im Buch, die von Ereignissen von damals erzählen, nur mit mäßigem Interesse gelesen. Sie sind aber wichtig um die Geschichte zu verstehen, daher sollte man sie nicht überspringen.
Und es gibt auch etwas, das ich bis zuletzt nicht verstanden habe: wieso wird Mattes von so vielen Leuten als „behindert“ eingestuft? Mattes hat ein außerordentlich feines Gehör. Entsprechend kommt er mit vielen und lauten Geräuschen nicht klar, kann deswegen sogar einen Anfall erleiden. Aus diesem Grund ist er aus dem lauten Köln ins ruhige Auroth gezogen. Aber das ist doch keine Behinderung! Und damit zusammenhängend: wieso kann er wegen dieser Eigenart nicht normal arbeiten gehen? Er spielt immerhin in einer Band, die sicher nicht gerade leise ist, er hört Musik über den mp3-Player, also direkt am Ohr…im gewissen Rahmen kommt er also doch mit Geräuschen und Lautstärken zurecht. Wie gesagt, eine Behinderung kann ich darin wirklich nicht erkennen. Ich habe Mattes gerade wegen dieser Sensibilität als einen äußerst sympathischen, einfühlsamen und ruhigen jungen Mann empfunden, dem es sehr gut gelingt, seine Gefühle und Gedanken anschaulich an den Leser weiterzugeben.

Ja, der Start mit „Dorfbeben“ und mir war ausgesprochen holprig. Ich habe zweimal mit dem Buch angefangen. Beim ersten Mal bin ich zwar gut über 100 Seiten hinausgekommen, hatte aber schon vorher gemerkt, dass ich mit der Zuordnung der Namen der Aurother Einwohner nicht zurecht kam. Ständig vor- und zurück zu blättern um nachzuschlagen wer „der und der“ nun noch mal war, dazu hatte ich keine Lust. Mir war aber auch klar, dass ich mit so einem Halbwissen auch später bei der Auflösung nicht mehr durchblicken würde. Also habe ich noch einmal von vorne begonnen und im Nachhinein gesehen, war das die beste Entscheidung. Einige Namen „saßen“ ja bereits, nun musste ich nur noch die übrigen „dazu packen“, und das funktioniert auch gut. Allerdings habe ich dadurch für „Dorfbeben“ deutlich länger gebraucht, als es für ein Buch dieser Dicke normal gewesen wäre.

Das Cover hat ich wie gesagt sofort begeistert. Das Motiv wirkt wie ein altes Foto und das Haus mit den dunklen Fenstern und der verwilderten Wiese davor vermittelt einen leicht unheimlichen Eindruck. Die Blutstropfen steuern dann den letzten Schliff bei. Von innen sehen die Deckel aus wie eine alte Blümchentapete, wie man sie in spießigen Wohnzimmern erwartet.

Fazit:   Ein spannender Thriller mit einer sehr interessanten Hauptperson, die garantiert nicht behindert ist und die der Geschichte ein besonderes Flair verleiht. Für meinen Geschmack hätte der Anlass für die Ereignisse im Dorf in einer anderen, aktuelleren Zeit liegen dürfen, dann hätte mir „Dorfbeben“ noch besser gefallen.

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