«

»

Okt 28

Rezension – Raum (Emma Donoghue)

Auch seinen fünften Geburtstag feiert Jack in Raum. Raum hat eine immer verschlossene Tür, ein Oberlicht und ist zwölf Quadratmeter groß. Dort lebt der Kleine mit seiner Mutter. Dort wurde er auch geboren. Jack liebt es fernzusehen, denn da sieht er seine »Freunde«, die Cartoonfiguren. Aber er weiß, dass die Dinge hinter der Mattscheibe nicht echt sind – echt sind nur Ma, er und die Dinge in Raum. Bis der Tag kommt, an dem Ma ihm erklärt, dass es doch eine Welt da draußen gibt und dass sie versuchen müssen, aus Raum zu fliehen …

Man stelle sich vor, eine junge Frau Mitte 20 erzählt von ihrer sechsjährigen Gefangenschaft in einem schalldicht isolierten und uneinsehbaren Schuppen von 12 Quadratmetern. Eines Tages gekidnapped auf offener Straße. Schon diese Schilderung wäre sicher gausig.
Aber man stelle sich weiter vor, diese junge Frau bekommt von ihrem Kidnapper einen Sohn, der genau auf diesen 12 qm geboren wird und aufwächst, der nichts anderes kennt und diesen Schuppen als seinen Lebensraum akzeptiert, und man lässt IHN von seinem Leben erzählen…
Genau das tut Emma Donogue in „Raum“, und ich kann nur sagen, diese Schilderung ist noch um ein Vielfaches grausiger. Einfach, weil man als Leser weiß, was Jack entgeht, wie ein normales Leben aussieht, und weil es verstörend ist, wie normal Jacks Lebensumstände für ihn sind. Etwa die Hälfte des Buches erhält man auf diese Weise einen Ein- und Überblick über das Leben und Denken von Jack, und -soweit ein Fünfjähriger es bereits erfassen kann- auch über das seiner Mutter, seiner einzigen Bezugsperson. Neben Jacks verblüffender Intelligenz, hat es mir sehr imponiert, wie genau seine Mutter darüber wacht, dass er sich -soweit möglich- gesund ernährt, sich pflegt und lernt! So kann Jack mit Fünf bereits zählen, lesen und schreiben wie ein Schüler. Da klingt leise an, dass seine Mutter trotz allem Martyrium nicht davon ausgeht, dass sie bis in alle Ewigkeit in diesem Raum bleiben werden. So legt sie insofern einen Grundstein dafür, dass Jack nicht als Dummkopf in die normale Welt gehen wird. Und auch der Gedanke, ihm nichts von der Welt draussen zu erzählen, damit er nichts vermisst, ist ausgesprochen navollziehbar.
Die zweite Hälfte des Buches befasst sich mit Jacks Leben nach der Flucht aus dem Schuppen. Und erst hier wird einem deutlich, welch ein Schock die reale Welt für den Kleinen darstellt. Dabei hat man sie ihm doch in der vorigen Hälfte so sehr gegönnt! Es ist erstaunlich, welche Details Jack auffallen, welche für uns normalen Dinge ihm Angst machen. Da kommt man dann schon ins Grübeln und von Jacks Warte ausgesehen, ist auch dieser Part des Buches zu weiten Teilen schauerlich und auch traurig. Gleichzeitig geht Jack sein neues Leben aber auch mit bemerkenswerter Souveränität und viel Mut an. Dafür habe ich ihn so manches Mal zutiefst bewundert.
Bemerkenswert fand ich außerdem, wie realistisch Emma Donoghue das Leben von Jack und seiner Mutter nach dem Flucht  beschreibt. Mit dem Medien-Rummel, Aufenthalten in Kliniken, betreutem Wohnen und auch mit den Schwierigkeiten innerhalb der Familie. Schöngeredet wird hier wirklich nichts und trotzdem ist es eine Geschichte voller Hoffnung. Ich finde es gut, dass es hier kein blank geputztes Happy End im eigentlichen Sinne gibt.

Inhaltlich hat mir „Raum“ also unverkennbar gefallen. Und ja, ich weiß, es wäre weniger eindrucksvoll, wäre es in „normaler“ Sprache geschrieben. Ja, es in der Sprache eines Fünfjährigen zu schreiben, ist sicher ein tolle Stilmittel, das auf ganzer Linie wirkt. Das streite ich gar nicht ab. Trotzdem fand ich es relativ anstrengend zu lesen mit den meist fehlenden Artikeln vor Hauptwörtern, falsch gebeugten Verben, Phantasiebegriffen usw. Irgendwann habe ich es geschafft, zumindest die Artikel und Verben richtig zu ergänzen oder zu verbessern, ganz automatisch beim Lesen. Das hat es mir leichter gemacht.

Der Sinn des weißen Covers hat sich mir nicht erschlossen, aber zumindest wirken die vier bunten Buchstaben darauf. Geschrieben mit Stiftfarben, die auch Jack im Raum besitzt, und in Kinderschrift. In dieser Schlichtheit fällt es im Regal aber ganz sicher auf. Wenn alleine dies das Ziel war, ist es erreicht.

Fazit: Ein ungewöhnliches Buch. Ungewöhnlich, erschreckend, verstörend und doch so hoffnungsvoll. Erzählt von einem gewitzten Fünfjährigen, den man neben allem Bedauern auch sehr schnell bewundert. Wie gesagt hat es mir die Sprache etwas schwer gemacht, das Buch zu lesen, doch darüber will ich hinwegsehen. Als Stilmittel entfaltet diese Erzählweise nämlich eine ganz eigene und besondere Wirkung.

Diese Rezension entstand im Rahmen des Amazon Vine Produkttester Programms.


Titel: Raum
Autor: Emma Donoghue
Seiten: 416
Verlag: Piper Verlag
ISBN: 978-3492054669
Preis: € 19,99 (HC)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

%d Bloggern gefällt das: