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Jan 05

Rezension – Delirium [amor deliria nervosa] (Lauren Oliver)

Früher, in den dunklen Zeiten, wussten die Leute nicht, dass die Liebe tödlich ist. Sie strebten sogar danach, sich zu verlieben. Heute und in Lenas Welt ist Amor Deliria Nervosa als schlimme Krankheit identifiziert worden. Doch die Wissenschaftler haben ein Mittel dagegen gefunden. Auch Lena steht dieser kleine Eingriff bevor, kurz vor ihrem 18. Geburtstag. Danach wird sie geheilt sein. Sie wird sich nicht verlieben. Niemals. Aber dann lernt sie Alex kennen. Und kann einfach nicht mehr glauben, dass das, was sie in seiner Anwesenheit spürt, schlecht sein soll.

Ich stand diesem Buch zunächst sekptisch gegenüber. Einfach weil ich fürchtet damit entweder die x-te Dystopie oder eine kitschtriefende Erzählung (oder im schlimmsten Falle beides) in Händen zu halten. Allerdings hatte mir „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ von Lauren Oliver sehr gut gefallen. Deshalb bekam „Delirium“ doch seine Chance.
Ganz sicher habe ich nicht damit gerechnet, dass ich das Buch innerhalb zweier (langer) Abende ausgelesen haben würde, weil es mich von der ersten Seite an nicht mehr losließ. Man muss dazu sagen, dass Lauren Oliver ihre düstere Zukunftsvision von einer neuartigen und ungewöhnlichen Warte aus startet.
Natürlich gibt es auch hier eine herrische Regierung, die über ihre Schäfchen wacht. Doch halten sie sie nicht mit Kämpfen oder Kriegen in Schach und stürzen sie so auch nicht in Hungersnöte oder absolute Armut. Nein, der Regierung in Lenas Welt ist sehr daran gelegen, zufriedene Bürger zu haben. Um dies zu erreichen haben sie den Grund für jegliche Unzufriedenheit ausgemacht: die Liebe, und sie haben sie zur  ernsthaften Krankheit erklärt.  Es ist also dringend erforderlich, diese Krankheit aus der Welt zu schaffen, damit die Menschheit im zufriedenen Miteinander leben kann. Dank intensiver Forschung haben sie die Region im Gehirn lokalisiert, in der diese Empfindung ausgelöst wird, und mittels einer OP um die Volljährigkeit herum wird eine OP durchgeführt um diese Region zu entfernen.
Für Lena ist dieser Vorgang völlig normal. Ja, sie fiebert sogar auf ihre Evaluierung hin, nach der sie geheilt sein wird von dieser Krankheit, die in ihrem Blut lauert und die -laut Regierung und zahlreichen Büchern- unweigerlich zum Tode führen wird.
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Alleine die Idee, die Liebe als eine Krankheit zu betrachten, ist schon schockierend und eigentlich unvorstellbar. Wenn man diesem Gedanken weiter folgt, ergibt sich genau das Bild, das Lena beschreibt. Familien leben eher in Zweckverbänden zusammen, in relativer Gleichgültigkeit und ohne jegliche Nähe. Die Auswahl der Lebenspartner obliegt der Regierung. Die Menschen bekomen nach einer Voruntersuchung für die OP Partnerempfehlungen gestellt. Tiere werden wie Müll behandelt.
Trotzdem, dies ist Lenas Welt, und für die aufrührerischen Gedanken und Unternehmungen ihrer Freundin Hana hat sie keinerlei Verständnis.
Bis zu einer Begegnung bei ihrer Voruntersuchung der Evaluierung. Denn dort trifft sie auf -wie könnte es auch anders sein?- einen Jungen. Alex. Natürlich ausgesprochen gutaussehend, rührend bemüht und…ein Invalide. So werden die Unbehandelten Menschen genannt, die damals aus der Stadt in die Wildnis hinter dem Absperrzaun flohen um der Operation zu entgehen.
Es kommt, was kommen muss. Lena verliebt sich in Alex und plötzlich ist es für sie unvorstellbar, dass dieses Gefühl eine Krankheit sein soll. Glücklicherweise hat sie aber trotzdem noch oft genug Angst. Ich hätte es nicht gut gefunden, wenn Lena sich alleine durch ihre Verliebtheit zur großen Rebellin entwickelt hätte. Das hätte nach ihrer früheren Überzeugung unglaubwürdig gewirkt.
Wo keine Liebe, da keine Romantik, da kein Kitsch. Mit Alex Auftritt hält dann aber doch beides Einzug in diese Geschichte. Vor allem auch, weil Lena eine sehr bildhafte, blumige Art zu erzählen hat. Das vermittelt zwar gut ihre Gefühlswelt und die Stimmung unter den Menschen, aber es driftet hier und da durchaus Richtung Kitsch ab. Allerdings gönnt man es ihr auch, denn man weiß ja, dass dieses Gefühl und das damit verbundene Glück früher undenkbar für sie gewesen war. Das hilft. Und wer ist gegen ein gewisses Maß an Romantik schon immun? Die jungen Leserinnen ganz sicher nicht!
Und es bleibt ja auch trotzdem spannend. Immerhin rückt Lenas Evaluierung mit jedem Tag näher. Wird sie sich der OP unterziehen (müssen)? Wohin führen die „aufständischen“ Gedanken sie und Alex schließlich? Wird jemand ihr Doppelleben durchschauen? Denn ich fand, es fällt Lena schon sehr leicht, ihre Familie an der Nase herumzuführen. Zu leicht, für meinen Geschmack und unter den gegebenen Bedingungen.  Werden Lena und Alex schließlich glücklich zusammen sein, und wenn ja (oder auch wenn nicht), wie kommt es dazu?
Auch das Ende stimmt mit manch „gefühlsduseliger“ Szene versöhnlich, denn ob es ein Happy End ist, lässt sich nicht so leicht sagen. Auf eine Art ja, auf die andere nein. Aber „Delirium“ ist ja auch der erste Band einer Trilogie. So wäre es ja auch wieder schade, am Ende schon alles aufgelöst zu haben.

Wie gesagt habe ich zwei -lange- Abende für „Delirium“ gebraucht. Dadurch, dass es im Verhältnis gesehen nur wenige Dialoge und entsprechend überwiegend erzählende Passagen gibt, liest es sich schon etwas langsamer. Aber es lohnt sich! Jedem Kapitel sind Zitate aus (für Lena) zeitgenössischen Gesetzestexten, dem Buch Psst (kurz für Persönliches Sicherheits- und Schutztraktat), in dem die Entwicklung der Krankhet Liebe und ihre Auswirkungen beschrieben werden, und oft auch Kinderreime vorangestellt. Alle samt und sonders für sich alleine schon schockierend. Unbedingt also alles lesen und diese kurzen Texte nicht überspringen!

Das Covermotiv reiht sich mit dem Mädchengesicht dann allerdings doch wieder in den Mainstream ein. Dafür gefällt mir die Idee, das Gesicht hinter einem „Netz“ aus dem Wort „Liebe“ darzustellen. Ohne den Umschlag ist das Buch in einem glänzenden, tiefen Rot gehalten, was sehr schön aussieht. Ein Lesebändchen gibt es auch. Selbstverständlich in der Farbe die Liebe.

Fazit: Mich hat „Delirium“ nicht mehr losgelassen. Eine sehr schöne und reizvolle Idee, eine Dystopie auf einer auf den ersten Blick undramatisch anmutenden Idee aufzubauen: die Liebe als Krankheit. Das hat mich mehr beeindruckt als die vielen anderen finsteren Zukunfstvisionen mit ihren Kämpfen, Kriegen und dem mittelalterlichen Leben. Ein gewisser Kitschfaktor ist „Delirium“ nicht abzusprechen. Wenn man allerdings Lenas Leben vor Alex berücksichtigt, ist das gut nachvollziehbar, und obendrein wunderschön beschrieben. Einzig, dass Lena einige Dinge zu leicht fallen bzw gelingen, hat mir nicht gefallen. Das kann so eigentlich nicht laufen in einer Welt wie ihrer. Das ist das einzige kleine Manko, das ich gefunden habe. Ansonsten kann ich „Delirium“ nur wärmstens empfehlen!

Diese Rezension entstand im Rahmen des Amazon Vine Produkttester Programms.


Titel: Delirium [amor deliria nervosa]
Autor: Lauren Oliver
Seiten: 416
Verlag: Carlsen Verlag
ISBN: 978-3551582324

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