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Jan 28

Rezension – Mein böses Herz (Wulf Dorn)

Was tust du, wenn du nicht mehr weißt, was Realität ist und was Fantasie?
Seit dem Tod ihres Bruders wurde Doro von Halluzinationen verfolgt, aber eigentlich dachte sie, das in den Griff gekriegt zu haben. Doch als sie mit ihrer Mutter aufs Land zieht, scheint die neue Umgebung erneut etwas in ihr auszulösen. Stimmen verfolgen sie. Und eines Nachts sieht Doro in ihrem Garten einen Jungen: verstört, abgemagert, verzweifelt. Der Junge bittet sie um Hilfe – und ist dann verschwunden. Wenig später erfährt Doro, dass er schon vor ihrer Begegnung Selbstmord begangen hat. Doro kann nicht glauben, dass sie sich den Jungen nur eingebildet hat. Doch die Suche nach der Wahrheit wird schnell zum Albtraum. Und tief in Doros Seele lauert ein dunkles Geheimnis …

Da ich alle bisher erschienenen Bücher von Wulf Dorn gelesen und sehr gut gefunden habe, kam ich natürlich auch an seinem ersten Jugendbuch unmöglich vorbei. Wobei ich mir schon ein wenig Sorgen gemacht hatte, denn ich glaube, ich wäre zutiefst enttäuscht gewesen, wenn er mit diesem Buch seine gewohnten Pfade verlassen hätte.
Aber wie es scheint, kann Wulf Dorn da nicht aus seiner Haut, und das ist auch gut so! Ich behaupte sogar, dass „Mein böses Herz“ durchaus auch für erwachsene Psychothriller-Fans ein Vergnügen sein wird. Denn an so mancher Stelle im Buch habe ich mir wirklich gedacht, dass das für ein Jugendbuch schon sehr gewagt ist.
Die Geschichte hatte mich jedenfalls innerhalb der ersten beiden Seiten am Haken und am liebsten hätte ich das Buch nicht aus der Hand gelegt ehe es ausgelesen gewesen wäre. Aber ich habe mich beherrscht und diesen Genuss „portioniert“. Allerdings auch nur in zwei „Häppchen“.
Wie gesagt hat es mir gefallen, dass bei dieser Geschichte kein Gang runtergeschaltet wurde. Mit langen Vorreden hält „Mein böses Herz“ sich nicht auf. Schon auf den ersten Seiten liest man von Ereignissen, die einen erschrecken und auch bereits einen ersten Verdacht sähen, so unglaublich er auch erstmal erscheinen mag.
In diesem Stil geht es allerdings dann auch das ganze Buch weiter. Mehr als eine oder zwei ruhige Seiten bekommt man als Leser nicht zugestanden. Meint man gerade noch, nun kehre mal etwas Ruhe in Doros Leben ein, steht schon der nächste Schrecken in den Startlöchern. In Gestalt von Erinnerungen, Träumen, Visionen und auch mehr als einmal in Gestalt ganz realer Ereignisse…möchte man jedenfalls meinen 😉 So klar ist das aber oft gar nicht, wenn man sich Doros Krankengeschichte vor Augen hält. Die Geschichte vermischt Realität, Traum und Halluzination oft so gekonnt, dass man an dem bis eben noch für völlig real Gehaltenen bereits in dem Moment wieder zweifelt, in dem Doro es tut. Ich habe Doro trotzdem immer geglaubt. Das bleibt wohl auch gar nicht aus, wenn einem die Hauptperson so oft und eindringlich und überzeugend beteuert, dass eine Situation genau so und so war. Man wird hier wirklich durchgehend hin- und hergerissen gehalten.
Diesem Buch ist ausserdem etwas gelungen, das bisher kaum ein anderes Buch geschafft hat: ich habe mich beim Lesen in meinen eigenen vier Wänden, unter der gemütlichen, kuscheligen Decke unwohl gefühlt, und habe für jeden Weg durch die Räume sämtliche Lichter eingeschaltet. Und ich habe meinen Freund ganz schön auf Trab gehalten, weil mir der Gedanke nicht behagte, zum Schlafen das Licht auszumachen 😳
Ja, „Mein böses Herz“ ist auch gruselig, und wie! Die Gestalt, in der Doro ihr böses Herz sieht, rührt an eine -möglicherweise überwiegend weibliche- Urangst. Scheußlich und beängstigend. Zudem gibt es einige Szenen, die einen schaudern lassen, und so mancher Schauplatz wird so anschaulich beschrieben in seinem unheimlichen Aussehen, dass man ihn sich viel zu gut vorstellen kann.
Man merkt es sicher, ich bin begeistert von diesem Buch. So sehr, dass ich mit dem Ende ganz gut leben kann, denn das hat mich leider nicht so überzeugt. Nach dieser spannenden und gruseligen Geschichte, die so toll mit dem Realitätsempfinden spielt, war es mir zu „einfach“ in der Auflösung und auch zu schnell abgewickelt. Gerade am Ende hätte ich mir gewünscht, dass man noch mal ein wenig an der Nase herumgeführt wird, dass Fragen offen bleiben , über die man sich als Leser seine Gedanken machen kann. Vielleicht ist das dem Genre „Jugendbuch“ geschuldet, dass es hier etwas arg Friede, Freude, Eierkuchen-mäßig zugeht.

Wie erwähnt: hätte ich nicht am Tag darauf arbeiten müssen, hätte ich „Mein böses Herz“ sicher an einem Abend und in der darauf folgenden Nacht durchgelesen. Trotz des ganzen Verwirr-Spiels, das die Geschichte mit dem Leser betreibt, ist sie nämlich sehr gut und leicht zu lesen. Das liegt sicher auch daran, dass Doro sie in der Ich-Perspektive erzählt. Zwar stets auch mit ernsthaften Gedanken, aber doch auch jugendlich locker und modern. Zudem sind die Kapitel so kurz gehalten und enden stets so gemein, dass man sich immer wieder denkt: ach, na los, das eine noch!

So rot fällt das Buch im Ladenregal natürlich auf, und es gibt keinen Schnickschnack, der vom Titel ablenken könnte. Weshalb „Mein böses Herz“ allerdings so wie geschmiert geschrieben ist und wieso im Hintergrund alles Luftblasen zu sehen sind, das versteht man erst ab einer bestimmten Stelle im Buch. Ich fand das eine sehr clevere Idee!

Fazit: Jugendliche Hauptpersonen hin oder her, mit diesem Buch machen auch erwachsene Fans von Wulf Dorn und anderen Psychothriller-Autoren sicher nichts falsch. Eine sehr spannende Geschichte, die einen stetig im Zweifel hält, was Realität und was Traum bzw Halluzination ist.  Wegen gewisser Verdächtigungen Doro gegenüber kann man sich nicht mal darüber sicher sein, dass man der Hauptperson vertrauen kann. Das ist schön gemein! Und „Mein böses Herz“ ist so gruselig, dass ich nicht dazu rate, es abends bzw nachts zu lesen.
Oder?
Doch, ich rate dazu! Es lohnt sich und macht so besonders viel Spass! Angenehme Gänsehaut!

Diese Rezension entstand im Rahmen des Amazon Vine Produkttester Programms!


Titel: Mein böses Herz
Autor: Wulf Dorn
Seiten: 416
Verlag: cbt
ISBN: 978-3570160954

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