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Apr 08

Rezension – Ich bin der Herr deiner Angst (Stephan M. Rother)

«In unserem Job bekommt man eine Menge Tote zu sehen. Das Bild aber, das sich uns hinter der Tür im ‹Fleurs du Mal› bot, wird mich bis an das Ende meines Lebens begleiten. Viele unserer Leichen sehen so aus, als würden sie schlafen. Das war hier nicht der Fall.» Ein in jeder Hinsicht verstörender Mord führt die Ermittler Jörg Albrecht und Hannah Friedrichs ins Hamburger Rotlichtviertel: Das Opfer war ein Kollege, und es wird nicht das letzte sein. Die Taten nehmen an Grausamkeit zu. Und alle haben sie mit den dunkelsten Geheimnissen der Opfer zu tun, ihrer größten Angst. Irgendwann keimt in Albrecht eine Erinnerung: Der Traumfänger-Fall. Seit dreißig Jahren schlummert er in den Akten. Seit dreißig Jahren sitzt der Täter in der Psychiatrie. Wie es scheint, hat der Alptraum gerade erst begonnen.

Bislang kannte ich von Stephan M. Rother nur Band 1 seiner „Dorian Grave“-Reihe, die mir damals gut gefallen hatte. Deshalb und weil ich im Moment Krimi- und Thrillerfan bin, war ich nun auf „Ich bin der Herr deiner Angst“ neugierig. Es ist aber -wie sich bald rausstellte- eine Geschichte mit Licht und Schatten.
Wobei mir die Geschichte an sich gefallen hat. In erster Linie deshalb, weil die Morde kreativ erdacht sind. Für einen Thriller angemessen hart und eindeutig nicht „von der Stange“.  Auch der Verlauf ist gut konstruiert, schlüssig und überschaubar. Ich ging davon aus, dieses Buch besonders konzentriert lesen zu müssen. Denn ich erwartet,  dass mir eine komplexe Handlung und eine Fülle an Charakteren geboten würde. Bei der Dicke des Buches kann man darauf leicht schließen.
So war es glücklicherweise nicht, was kein Kritikpunkt ist! Ich finde kaum etwas schlimmer als wenn ich schon nach wenigen Kapiteln bei der Geschichte nicht mehr durchsteige, oder immer wieder zurückblättern muss um nachzusehen, wer die und die Person noch mal war. Das war hier nicht der Fall. Speziell die beiden Ermittler Jörg Albrecht und Hannah Friedrich hatte ich mir schnell zu eigen gemacht. Genauso schnell hatte ich auch einen Favoriten, nämlich Hannah Friedrich.
Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt. Aus der von Hannah und aus der von Jörg. Das wechselt sich ab. Mal schildern beide die gleiche Situation bzw Teile einer Situation, aber praktisch ist es natürlich auch, wenn sie getrennt ermitteln. Hannahs Parts sind dabei in der Ich-Perspektive erzählt. Ihrem Wesen entsprechend clever, aber auch recht locker und mit einer Prise Humor. Klar, dass ihre Passagen und damit auch sie mein „Liebling“ wurde.
Jörgs Passagen dagegen sind nicht in der Ich-Form erzählt, auch wenn sie Einblicke in seine Gedanken gewähren. Im direkten Vergleich zu Hannah waren sie mir oft zu trocken. Auch mit seiner Denkweise kam ich häufig nicht klar, was ich darauf schiebe, dass Stephan M. Rothers Schreibstil in diesen Passagen auf mich nicht rund wirkte. Kurze, abgehackte Sätze, die oft mit einem Punkt enden, obwohl der Gedanke dahinter noch gar nicht abgeschlossen ist.
Und ganz ehrlich: ich hätte auch so geglaubt, dass Jörg gebildet und intelligent ist. Auch ohne, dass er mit schöner Regelmäßigkeit Sokrates zitiert und / oder mit lateinischen Aussprüchen genau dies unter Beweis stellen will.
Jedenfalls sind es so in erster Linie Jörgs Passagen, die den meisten „Füllstoff“ an der Geschichte ausmachen. Wenn ich mir die wichtigsten Stationen der Ermittlungen vor Augen rufe, dann habe ich die zügig zusammen. So viele sind es nämlich nicht. Es gibt nur viel „Füllstoff“ dazwischen. In erster Linie Jörgs Gedankenwelt, die mir oft zu ausführlich beschrieben wurde.
Das bremst leider die Spannung aus und sorgt für Längen.
Bei Jörgs Intelligenz und vielgerühmter Intuition ist es umso erstaunlicher, dass ihm nicht viel früher klar wird, zu welchem Fall der jetzige Parallelen aufweist. Immerhin ist dieser -der Traumfänger-Fall- offenbar DER Fall im Kommissariat gewesen. Er wird auch häufig erwähnt, so dass man als Leser bereits einen Verdacht hegt, noch ehe die Damen und Herren Kommissare in die Richtung denken. Das fand ich seltsam und nicht besonders glaubwürdig.
Die Auflösung, die Antwort auf die Frage, wer der Täter ist, hat mich überrascht. Darauf wäre ich so schnell nicht gekommen. Als große Hilfe bei der Auflösung erweist sich ausgerechnet der Psychopath, der für die Morde aus dem Traumfänger-Fall verantwortlich war. Auch er mauserte sich schnell zu einem meiner Favoriten unter den Charakteren. Ich mag nämlich lieber die intelligenten, feinen und seriösen Irren, als die offensichtlich verrückten 😉

Hannahs Passagen lesen sich schnell und leicht, Jörgs dagegen deutlich langsamer. Zudem musste ich mich auf sein Denken wirklich bewusst einlassen. Ich habe es nicht getan, aber ich behaupte, bei seinen Passagen könnte man auch manchen Abschnitt überspringen, ohne dass man den Anschluss verlieren würde.  Für meine Verhältnisse habe ich entsprechend lang für dieses Buch gebraucht. Hinzu kommt noch, dass die Kapitel sehr lang sind. Wenn man dieses Buch kapitelweise vor dem Einschlafen lesen möchte, sollte man ruhig etwas früher zu Bett gehen.

Das Buch fällt im Regal auf. Der Titelschriftzug ist schließlich groß genug und mit der kräftigen Farbe wirkungsvoll vor dem dunklen Hintergrund. Schön ist, dass die Cover innen ebenfalls gestaltet sind. Mit dem gleichen Hintergrund wie das Frontcover, vorne mit einer kurzen Vita des Autoren, hinten mit einem Foto von ihm.

Fazit:  Der Fall für Jörg und Hannah geht in Ordnung und Thriller-Fans dürften sich davon recht gut unterhalten fühlen. Der eine mehr, der andere weniger. Das von mir erwartet Highlight war „Ich bin der Herr deiner Angst“ aber nicht. Das Buch könnte einige Seiten dünner sein, ohne dass es der Story an etwas fehlen würde. Für meinen Geschmack gibt es eine Menge Passagen, die nicht unbedingt notwendig für den Fall sind. Jedenfalls nicht in solcher Ausführlichkeit. Die nimmt leider oft Spannung und Tempo aus der Geschichte und so schleichen sich immer mal wieder Längen ein.


Titel: Ich bin der der Herr deiner Angst
Autor: Stephan M. Rother
Seiten: 576
Verlag: Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3499258695
Preis: € 9,9 (TB)

2 Kommentare

  1. Andreas

    nicht bei Thienemann, sondern bei Rowohlt erschienen.

    1. leserattz

      Danke für den Hinweis! Hab’s direkt geändert.

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