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Apr 20

Rezension – Everlasting – Der Mann der aus der Zeit fiel (Holly Jane Rahlens)

Man schreibt das Jahr 2264. Gefühle sind unerwünscht, die Liebe ist ausgestorben. Die Geburtenrate ist gefährlich gesunken. Der junge Historiker und Sprachwissenschaftler Finn Nordstrom, Spezialist für die inzwischen tote Sprache Deutsch, erhält den Auftrag, die 250 Jahre alten Tagebücher eines jungen Mädchens aus dem Berlin des 21. Jahrhunderts zu übersetzen. Öde, findet er. Und albern. Doch dann ist er zunehmend fasziniert von dem Mädchen, das quasi vor seinen Augen erwachsen wird. Schließlich soll Finn in einem Virtual-Reality-Spiel in der Zeit zurückreisen, um das Mädchen zu treffen. Ohne es zu wissen, wird er damit zum Versuchskaninchen der Spieleentwickler. Warum schicken sie ausgerechnet ihn, den Fachmann für tote Sprachen, in die Zeit kurz vor Ausbruch der Großen Epidemie? Und was ist das für ein sonderbares Gefühl, das ihn überkommt, wenn er der jungen Frau begegnet? Bald muss Finn sich entscheiden – für die Liebe oder für die Zukunft …

Dies ist der dritte Anlauf für eine Rezension zu „Everlasting“ und ich hoffe , es ist gleichzeitig auch der letzte. Ich musste bei diesem Buch feststellen, dass es unglaublich schwierig ist, ein Buch zu besprechen, das einem vom Anfang bis zum Ende richtig gut gefallen hat. Ich weiß kaum womit ich anfangen soll.
Vielleicht mit dem, was mich sehr erleichtert hat. Nämlich, dass „Everlasting“ zwar auch in eine weit entfernte Zukunft blicken lässt, der eine schlimme Katastrophe vorausging, dass es deshalb aber keine finstere Dystopie ist. Statt einer Welt mit  herrischem Regime, einem unterdrückten Volk und steinzeitlich und ausgestoßen lebenden Rebellen, wirkt Finns Welt eher wie einem modernen Science Fiction – Film entsprungen. Mit Shuttles, Robotern, die im Haus helfen, Internet, das im Kopf der Menschen funktioniert statt auf Rechnern, eben sehr modern und futuristisch. Da darf man mich gerne ignorant oder unrealistisch nennen, solch eine Vorstellung gefällt mir deutlich besser, und sie hebt „Everlasting“ von den ganzen Dystopien ab.
Natürlich hat auch in Finns Welt die Regierung großen Einfluss, doch hatte ich nie den Eindruck, dass sie ihr Volk unterdrückt. Ebenso natürlich gibt es Menschen, die abseits der Städte leben und noch ein Leben pflegen, wie wir es heute kennen, doch herrscht kein Kriegszustand zwischen diesen beiden „Welten“. Finns Welt funktioniert, woran ich nichts Negatives finden kann.
Doch dann bekommt er eine Aufgabe zugeteilt, die sein Leben gründlich auf den Kopf stellt. Finn ist Übersetzer und soll das Tagebuch eines 13jährigen Mädchens übersetzen, das im 21. Jahrhundert lebte. Was er anfangs für langweilig hält, macht ihm jedoch zusehends Spass. Und dieses Vergnügen überträgt sich wunderbar auf den Leser. Ich habe mich bei Elianas Tagebucheinträgen sehr amüsiert. Es ist aber mindestens ebenso spaßig zu lesen, wie dieses für uns Normale bei Finn ankommt. Denn er weiß natürlich nicht, was zB Chucks sind, was DSDS ist oder ein Princess-Skull-Skateboard.
Auch als Finn später in dem Spiel in die Vergangenheit reist, erlebt man immer wieder solche Momente. Er sieht etwas, das für uns heute ganz normal ist, kann es aber nicht benennen, beschreibt es deshalb, und spätestens dann macht es *klick* und man weiß, was er vor sich hat. Es ist erstaunlich und auch etwas verrückt, wie ungewöhnlich einem dabei etwas ganz Gewöhnliches erscheint.
Doch das ist natürlich nicht der Kern der Geschichte. Das zentrale Thema ist die Liebe, die sich zwischen Finn und Eliana entwickelt. Denn Finn liest auch weitere Tagebücher von ihr und sieht so quasi zu, wie sie heranwächst. Und auf den Reisen in die Vergangenheit trifft er sie. Da Gefühle in Finns Welt nebensächlich sind und speziell das Gefühl „Liebe“ mindestens ungewöhnlich, ist es ebenso vergnüglich mitzuerleben, wie er dieses Gefühl erlebt und wie er damit umgeht. Da er es zuvor nie kennengelernt hat, hat er einen extrem unschuldigen Blick darauf, und so wirkt nichs von dem, was er sagt oder tut übermäßig kitschig. Es ist einfach nur schön.
Die Beziehung zwischen ihnen nimmt jedoch auch auf Finns sonstiges Leben Einfluss. So ist es in seiner Welt nicht üblich, dass man von ich selber als „ich“ spricht, sondern es verallgemeinert und beispielsweise über sich sagt „dieser Übersetzer“. Ein Satz von Eliana macht ihm aber deutlich, wie wichtig und aussagekräftig dieses Wörtchen „ich“ sein kann. Er übernimmt es für sich und das zeigt sich in einem Wechsel der Erzählweise der Geschichte. Das hat mir sehr gut gefallen, weil es unerwartet ist und weil es sehr deutlich macht, um wieviel instensiver eine Erzählung dadurch wirken kann. Ein cleverer Kniff, den Holly Jane Rahlens angewendet hat.
Gelungen sind auch die Entwicklungen der Geschichte, speziell zum Ende hin. Denn hier finden sich Elemente vom Anfang der Geschichte wieder, die einem bisher nicht so besonders wichtig erschienen, nun aber bedeutend sind. So fließen Teile des Anfangs mit ins Ende ein und geben ihm eine unerwartete Richtung.
Das Ende selber werde ich hier selbstverständlich nicht verraten, aber ich habe es als ein sehr schönes und gut durchdachtes Ende empfunden, bei dem nicht zu viel und nicht zu wenig verraten wird.

Ich hatte „Everlasting“ innerhalb von zwei (langen) Abenden ausgelesen. Es liest sich prima. Die Tagebucheinträge lockern auf und auch der Wechsel im Erzählstil macht es einem leicht, dabei zu bleiben. Die Kapitel sind nicht zu lang und tragen  Titel, die alleine schon neugierig darauf machen, wie es in der Geschichte weitergeht. Da macht das Lesen Spaß!

Das Cover zeigt den Flakon von Elianas Parfüm, das den Namen „Everlasting“ trägt und damit einen Teil des Titels stellt. Bitte nicht vom Pink täuschen lassen. Auch wenn das Buch so geradezu zu schreien scheint „ich bin eine Teenie-Herz-Schmerz-Story“, das stimmt nicht. Die Geschichte ist wesentlich mehr.

Fazit:  Ich könnte noch ewig von diesem Buch schwärmen. Das sagt wohl alles. Ich hatte es nicht unbedingt erwartet, aber an „Everlasting“ hat für mich einfach alles gepasst. Ein erfrischend anderer Blick in die Zukunft, eine Geschichte, die hier und da zum Nachdenken anregt, und sehr gefühlvoll geschrieben und durchweg mit einer Prise Komik gewürzt ist. Klasse!

Danke an den Rowohlt Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Titel: Everlasting – Der Mann, der aus der Zeit fiel
Autor: Holly Jane Rahlens
Seiten: 432
Verlag: Rowohlt Wunderlich
ISBN: 978-3805250160
Preis: 14,95 (Broschiert)

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