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Aug 26

Rezension – Die Gesichtslosen (Stephanie Fey)

Wenn Tote nicht mehr zu erkennen sind, wenn ihr Mörder sie entstellt hat oder nur noch Skelettteile übrig sind, wird Carina Kyreleis gerufen. Die junge Rechtsmedizinerin versteht es wie kaum eine Zweite, den Toten Glanz einzuhauchen und ihnen ihre Gesichter zurückzugeben. Nachdem sie zwei Jahre als Knochen- und Mumienexpertin in Mexiko-Stadt gearbeitet hat, kehrt sie nach Deutschland zurück, um am Münchner Institut für Rechtsmedizin einen Neuanfang zu wagen. Kaum angekommen, steht sie vor ihrem ersten Fall. Ein Killer, der seinen Opfern die Gesichtshaut abzieht, um für immer ihr Antlitz zu bewahren.

Auf dieses Buch bin ich durch viele positive Rezensionen und Empfehlungen aufmerksam geworden. Ich mag Thriller, also zog es bald in mein Regal ein. Nach dem Lesen jetzt kann ich die so positive Resonanz allerdings nicht ganz nachvollziehen.
Aber der Reihe nach und mit dem angefangen, was mir an „Die Gesichtslosen“ gefallen hat. Beispielsweise, dass die Geschichte aus zwei Blickwinkeln erzählt wird. Im einen begleitet man Carina in ihrem Leben, beim Neustart in der Münchner Gerichtsmedizin und bei ihren Nachforschungen zu dem Fall, an dem sie gerade arbeitet. Dabei hat sie es mit einem Mörder zu tun, der seinen Opfern die Gesichtshaut abzieht. Somit kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Fall eine gewisse Härte aufweist. Da krümmt man sich bei mancher Schilderung mindestens innerlich oder verzieht angeekelt das Gesicht. So etwas steht einem Thriller, so etwas erwarte ich sogar von einer Geschichte dieses Genres. Da darf es gerne zur Sache gehen. Ich hätte hier allerdings auch gerne mehr von Carinas eigentlicher Arbeit gehört. Wie ich finde, lässt der Klappentext auch genau darauf schließen. Dass man quasi einer Gerichtsmedizinerin über die Schulter schaut. Carina hält sich jedoch -im Verhältnis- nur sehr selten im Sektionssaal auf. Und so interessant es ist zu erfahren, mit welchen Mitteln und wie sie die Gesichter von Toten originalgetrau nachbildet, das ist nicht das, was ich mir unter Gerichtsmedizin vorstelle bzw nach dem Klappentext erwartet hatte.
Handlungsstrang Nummer 2 begleitet Rosa, die angeblich tote Schwester eine Frau, die plötzlich bei Carina auftaucht und behauptet, Rosa quicklebendig gesehen zu haben. Rosa arbeitete früher als Sekretärin des bayerischen Innenministers. Zu dieser Zeit ereignete sich das Herrhausen-Attentat, in das höchstvermutlich auch die RAF verwickelt war. Man ahnt es bereits: dieser zweite Handlungsstrang kommt um einiges komplexer daher. Und politischer. Das hatte prompt zur Folge, dass ich mich erstmal im Internet schlau machen musste, was es mit diesem Attentat auf sich hatte. Man kann mich gerne ungebildet nennen, aber bis dato hatte ich außer dem Namen nichts darüber gehört und ich würde lügen, wenn es behaupten würde, dass es mich interessiert hätte. Deshalb fielen mir Rosas Passagen auch schwer zu lesen und ich hätte gerne hier und da etwas übersprungen. Aber das macht man halt nicht. Politisch und geschichtlich interessiertere Leser werden daran aber wohl ihre Freude haben.
Natürlich laufen diese beiden Handlungsstränge nach und nach zusammen. Viel Überraschendes kommt dabei allerdings nicht ans Licht. Als Leser kann man realtiv bald eigene Vermutungen anstellen und Schlüsse ziehen und sich am Ende fröhlich die Hände reiben, weil man richtig gelegen hat.
So richtige Spannung kam somit für mich eigentlich erst auf als klar war, wer der Killer ist und es daran ging, ihn dingfest zu machen. Das ist nur leider ziemlich zum Ende des Buches und damit ganz schön spät für einen Krimi oder Thriller…
Carina selber hat mir gut gefallen, mit ihr bin ich sehr schnell warm geworden, obwohl ich sonst ja nicht der Fan von weiblichen Ermittlern bin. Das lag allerdings daran, dass man auch eine Menge aus Carinas Privatleben erfährt und da geht es mitunter ziemlich turbulent, ja dann und wann sogar ganz witzig zu. Carina ist ein cleverer Chaot und solchen Leute mag ich einfach. Deshalb finde ich auch nicht, dass Stephanie Fey diesem Teil von Carinas Leben zu viel Aufmerksamkeit geschenkt hat. Auch so etwas macht den Unterhaltungswert einer Geschichte aus. Und genau das erwarte ich in erster Linie von einem Buch: dass es mich unterhält.

Wie erwähnt habe ich mich bei den Passagen um Rosa mit dem Lesen schwer getan. Hätte ich das Buch nicht als einzigen Zeitvertreib bei einer langen Wartezeit gehabt, hätte ich es siche häufiger beiseite gelegt und Pause gemacht. Diese Schwierigkeiten hatten aber rein inhaltliche Gründe. Sprachlich liest sich der Roman wirklich gut und leicht.

Das Cover hat mir sofort gefallen, auch wenn es von der Story so überhaupt gar nichts verrät. Aber das Schwarz-Weiß fällt im sonst hauptsächlich dunkel beherrschten Thriller-Regal gut auf.

Fazit:  Mir hat „Die Gesichtslosen“ nicht so gefallen wie ich es erwartet hatte. Das lag einerseits an diesem Handlungsteil um Rosa, der mir zu politisch war und der -für mein Empfinden- den Part um den Fall des Killers ziemlich in den Hintergrund drängt. Mir hätte es besser gefallen, man hätte Carina alleine auf diesen Fall angesetzt und ihn in den Mittelpunkt gestellt. Noch etwas mehr gerichtsmedizinische Ermittlungen und ich wäre zufrieden gewesen. Schlecht ist „Die Gesichtslosen“ aber nicht. Es hat für mich nur nicht das gehalten , was mir der Klappentext versprochen hat.


Titel: Die Gesichtslosen
Autor: Stephanie Fey
Seiten: 368
Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 978-3651000261
Preis: € 8,99 (TB)

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