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Feb 08

Rezension – Als die Welt zum Stillstand kam (Gabi Neumayer)

weltstillstandDie Welt im Jahr 2036: Absolute Mobilität ist Realität geworden. Frühstücken auf den Fidschis, arbeiten in Berlin, abends ein Konzert in Tel Aviv, kein Problem. Mithilfe eines weltweiten Tornetzes beamen Menschen sich in Sekunden von einem Ort zum anderen, ebenso Informationen und Ressourcen. Da geschieht plötzlich das Unfassbare: Das Netz bricht zusammen – und damit die gesamte Welt. Die Freunde Celie, Alex und Bernie könnten ein rasantes Leben genießen und sich sehen, wann und wo immer sie wollten. Doch der tragische Tod von Celies Mutter, Erfinderin des Tornetzes, hat einen Schatten auf ihre Freundschaft geworfen. In ihrer Trauer will Celie alles hinter sich lassen. Bis plötzlich die Katastrophe eintritt – das Netz versagt. Wie alle anderen auch sitzen die drei Freunde fest: Alex in Berlin, Celie in Irland, Bernie in der mecklenburgischen Wildnis. Jeden Tag fällt die Welt um sie herum ein Stück mehr auseinander: Städte ohne Strom und Wasser werden zu Todesfallen, Krankheit, Hunger und Gewalt breiten sich aus. Die zivilisierte Welt kollabiert. Celie, Alex und Bernie müssen jeder für sich ums Überleben kämpfen. Und sie müssen einander finden. Denn vielleicht hat der Tod von Celies Mutter etwas mit dem Zusammenbruch des Netzes zu tun.

Dystopien sind an sich nicht mein Fall. Ich habe es nicht mit Geschichten, die irgendwann in einer finsteren Zukunft spielen, in denen die Menschen wieder wie im Mittelalter leben und beherrscht werden von rücksichtslosen Machthabern. Deshalb hatte ich bei diesem Buch auch so meine Bedenken und habe mich lange nicht rangetraut.
Als ich es dann endlich gelesen hatte, war schnell klar: so sind solche Zukunftsstorys ganz genau mein Fall!
Warum? Weil Celie, Alex und Bernie auch im Jahr 2036 ganz normal leben. Kein unterjochendes Regime, dafür mit supercooler futuristischer Technologie.Mit den sogenannter „Tore“ ist es zB gar kein Problem, sich für die Mittagspause zu seinem Lieblingschinesen nach Honkong zu beamen. Ein Job auf einem anderen Kontinent? Na und? Die Tore machen es möglich. Jeder besitzt ein „Mo-Pad“, so eine Art Tablet-PC, der zig Funktionen hat und sich zum Verstauen einrollen lässt. Ja, solche Zukunftsvisionen mag ich!
Doch natürlich nimmt genau mit diesen Toren das Unheil seinen Lauf, denn eines Tages fällt das System plötzlich aus. Die drei Freunde sitzen fest. Alex in Berlin in einem Krankenhaus, Bernie in der mecklenburgischen Wildnis und Celie in einer kleinen Kommune, wo man sich nach außen hin gegen die Moderne sträubt. Die drei wollen und müssen einander finden. So machen Alex und Bernie sich auf den Weg zu Celie.
Aber ohne die Tore sieht ihre Welt plötzlich ganz anders aus, alles was bisher selbstverständlich war, stellt nun ein Hindernis dar. Ich fand es sehr spannend, wie speziell die Jungs sich zunächst in der neuen Situation schlagen. Da über die Tore auch Wasser und Strom, Gas und solch wichtige Dinge wie Medikamente und Lebensmittel geliefert wurden, bekommt Alex die Auswirkungen des Torausfalls am heftigsten mit, denn er arbeitet als Pfleger in einem Krankenhaus. Ich konnte seine Verzweiflung und seinen Ärger in gewissen Situationen sehr gut nachvollziehen.
Bernie dagegen habe ich sehr bewundert, denn er ist zu 100 % Fan des Torsystems und muss sich plötzlich alleine durch die Wildnis schlagen. Wo er doch von der Natur und allem drumherum so gar keine Ahnung hat.
Bei Celie in der Kommune dagegen war ich -zugegeben- nicht ganz so gerne zu Gast. Denn hier gibt es durchaus so etwas wie einen Bürgermeister, der gewisse Interessen verfolgt und die Bewohner dafür benutzt, sie zu erreichen. Der intrigiert und eben halt eine gewisse Politik betreibt. Und das ist schon wieder sowas, wofür ich -ab einer bestimmten Ausführlichkeit- wenig übrig habe. Da ich Celie aber sehr mochte und viele ihrer Aktionen auch ganz spannend und vor allem mutig fand, fiel das glücklicherweise nicht allzusehr ins Gewicht.
Außerdem steht immer die Frage im Raum, ob vielleicht Celies Mutter, die die Erfinderin des Tornetzes war und die bei einem Unfall ums Leben kam, etwas mit dem Ausfall zu tun haben könnte. Diese Frage lässt Celie keine Ruhe und ich habe sie gerne bei ihren Nachforschungen begleitet und mitgeknobelt, was vielleicht vorgefallen sein könnte.
An einigen Stellen fürchtete ich, dass sich auch diese Geschichte in Richtung der finsteren Zukunftsvisionen verirren würde, in denen sich die Menschen mit Pfeil und Bogen ihr Essen beschaffen müssen. Und manche Passage geht auch klar in die Richtung. Aber das konnte ich hier gut verschmerzen, weil nämlich diese ganze moderne Technik trotzdem weiterhin immer Thema blieb! Und es ist stets das Ziel, diese Technik wieder zum Leben zu erwecken. Niemand ist willens, sich mit einem solchen Rückschritt in der Lebensweise auf ewig abzufinden. Ich habe so gehofft, dass es gelingen würde, das Netz wieder einzuschalten.
Ob das gelingt, werde ich hier nicht verraten. Das Ende ist aber wirklich gut gelungen, denn dabei kommen beide Parteien auf ihre Kosten: Leser, die sich für die futuristische Technik begeistern können, aber auch die Zweifler an diesen Errungenschaften.

Das Buch liest sich ganz ausgezeichnet. Die Kapitel haben eine sehr angenehme Länge und dadurch, dass man abwechselnd bei Celie, Bernie und Alex ist, ist immer eine gewisse Abwechslung gegeben. Das hält einen bei Laune. Der Ton ist -wie man es angesichts dieser Katastrophe vielleicht vermuten könnte- zwar zu den entsprechenden Momenten ernsthaft, sonst aber durchaus jugendlich locker.

Das Cover ist dank der kräftigen Farben ein Hingucker und genau die gefallen mir auch richtig gut. Sonst gibt das Motiv in meinen Augen wenig bis nichts über die Geschichte her.

Fazit:  Und wenn es hundertmal unwahrscheinlich sein mag, dass die Zukunft solche Errungenschaften wie diese Tore, Mo-Pads und Roachys (eine Art Lastenträger-Roboter) hervorbringen wird und die Welt in 33 Jahren nicht am Abgrund stehen wird, ich finde diese Vorstellung einfach cool! Deshalb hat mir dieser Zukunftsroman auch richtig gut gefallen. Natürlich regt er aber auch zum Nachdenken an, wohin es führen kann, wenn man sich zu sehr von Technik abhängig macht. Und mal darüber nachzudenken, ist ja auch nicht verkehrt!

Vielen Dank an den Beltz Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares!


Titel: Als die Welt zum Stillstand kam
Autor: Gabi Neumayer
Seiten: 446
Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3407811202
Preis: 16,95  (HC)

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