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Apr 02

Rezension – Der Nachtwandler (Sebastian Fitzek)

nachtwandlerIn seiner Jugend litt Leon Nader an Schlafstörungen. Als Schlafwandler wurde er während seiner nächtlichen Ausflüge sogar gewalttätig und deswegen psychiatrisch behandelt. Eigentlich glaubte er geheilt zu sein – doch eines Tages, Jahre später, verschwindet Leons Frau unter unerklärlichen Umständen aus der gemeinsamen Wohnung. Ist seine Krankheit etwa wieder ausgebrochen? Um zu erfahren, wie er sich im Schlaf verhält, befestigt Leon eine bewegungsaktive Kamera an seiner Stirn – und als er am nächsten Morgen das Video ansieht, macht er eine Entdeckung, die die Grenzen seiner Vorstellungskraft sprengt: Sein nächtliches Ich steigt durch eine ihm völlig unbekannte Tür hinab in die Dunkelheit.

Auf dieses Buch von Sebastian Fitzek hatte ich mich noch einen Tacken mehr gefreut als sonst schon auf jedes seiner Bücher. Ich bin nämlich seit je her fasziniert von den Themen Schlaf, Träume, Schlafwandeln etc. Und ich finde, es ist ein großartiges Gebiet um darin einen Psychothriller anzusiedeln.
Tja, was soll ich sagen? Ich bin vom „Nachtwandler“ schlicht begeistert. Wobei ich schon sagen muss, dass es sich in einigen Punkten von seinen bisherigen Büchern unterscheidet.
Das fängt schon damit an, dass die Geschichte mit vergleichsweise wenigen Charakteren auskommt. Man lernt außer Leon und den wenigen anderen Hausbewohnern kaum weitere Personen kennen. Beispielsweise den Psychiater oder Leons Kumpel. Allerdings kommen mir Romane immer entgegen, bei denen ich mir nicht drei Dutzend Charaktere merken muss. Zweitens sorgte diese geringe Anzahl Personen im Falle des „Nachtwandler“ dafür, dass sich bei mir ziemlich schnell ein beklemmendes Gefühl einstellte. Leon und die paar Leute um ihn herum wirken isoliert vom Rest der Welt. Auch das gefällt mir immer gut, wenn eine Handlung auf solch beschränktem Raum spielt, und sich dann obendrein dort noch seltsam Unheimliches und Gefährliches tut. Das wirkt gleich nochmal bedrohlicher.
Nach einer überstürzten Flucht seiner offensichtlich verängstigten Freundin aus der gemeinsamen Wohnung, fürchtet Leon, dass er -wie schon als Kind- schlafwandelt ist. Womöglich ist er ihr gegenüber in diesem Zustand sogar gewalttätig geworden. Mittels Kopflampe mit Kamera filmt er daraufhin, was er im Schlaf anstellt.
Nun ist man es von Sebastian Fitzeks Psychothrillern ja gewöhnt, dass man oft nicht weiß, was man glauben soll. Was Realität ist und was nicht. Hier wird in dieser Hinsicht noch ein ordentliches Schippchen nachgelegt, so dass vor allem seine ersten Entdeckungen geradezu surreal auf mich wirkten. Das war so einfach kaum vorstellbar und mir war völlig unklar, was das soll und wie das am Ende schlüssig aufgelöst werden würde. In dieser Form ist mir das in diesem Fitzek-Roman zum ersten Mal begegnet. Das war faszinierend und sehr spannend zu lesen.
Nach diesem surrealen Start geht es dann bodenständig, aber  tierisch spannend weiter. Denn  es bleibt nicht bei diesen ersten Entdeckungen. Bei Leons weiteren Nachforschungen reihen sich die eigenartigen und bedrohlich wirkenden Entdeckungen quasi aneinander. Sie haben mich sowohl entsetzt als auch begeistert. Immer waren da die Fragen im Hinterkopf: was soll das? wohin führt das? was steckt dahinter? Dass es nichts Gutes sein würde, das ahnt man von Anfang an ganz automatisch. Manche Szenen dabei waren richtiggehend gruselig, so dass für eine Gänsehaut auf jeden Fall auch gesorgt ist.
Aufgefallen ist mir, dass es in dieser Geschichte in gewisser Hinsicht mehr „zur Sache“ geht. Einige Passagen und auch einige Aussprüche wirkten auf mich roher und effektheischender  als ich das aus Fitzeks Geschichten kenne. Daran habe ich mich etwas gestoßen, denn ich weiß ja, dass er auch ohne solche Mittel für Spannung und Grauen sorgen kann. Glücklicherweise hielten diese Momente sich in Grenzen. Ich hoffe nur, das wird jetzt keine Mode bei seinen weiteren Büchern.
Ganz wichtig ist es, die ganze Geschichte hindurch aufmerksam zu sein. Sonst verheddert man sich im Geschehen in Leons Wach- und Schlafzuständen. Vor allem gegen Ende sollte man dringend gut bei der Sache sein, sonst steigt man durch die letzten Seiten wohl nur schwerlich durch. Es lohnt sich aber. Hier wird die Grenze zwischen Schlaf und Wachsein nochmal gründlich verwischt.  Bleibt man dabei, erlebt man erst eine ehrlich schockierende Erkenntnis und bekommt anschließend eine tatsächlich schlüssige Erklärung für all die eigenartigen Vorkommnisse und Entdeckungen geboten. Ich fand sie cool, auch wenn ich das Gefühl hatte, ihr hier nicht zum ersten Mal begegnet zu sein ;).  Mir gefällt schon alleine die Vorstellung, jemand würde sowas tatsächlich mal ausprobieren…das findet man kleines, böses Ich ausgesprochen reizvoll 😉  Zudem wird einem die Auflösung quasi auf dem Silbertablett serviert. Fragen bleiben da keine übrig.

Das Buch liest sich weg wie nichts. Die Kapitel sind relativ kurz und enden jedes Mal mit einem fiesen Cliffhanger, der einen zum Weiterlesen verleitet. Das bringt Spannung in die Geschichte und sorgt dafür, dass man das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen kann.

Auch der Look des Buches hat mich sofort begeistert. Da gibt es einiges zu entdecken. In der vorderen Klappe findet man ein kurzes Interview mit Sebastian Fitzek zu dieser Geschichte. Es hat allerdings auch eine rückwärtige Klappe, die den seitlichen Schnitt verdeckt. Und darauf ist etwas abgebildet, das man erst einordenen kann, wenn man das Buch gelesen hat. So ganz nebenbei lässt diese Klappe sich auch prima als Lesezeichen verwenden 😉

Fazit:  Super spannend, teilweise geradezu surreal, rasant und mit einigen Gänsehautmomenten. Sebastian Fitzek mal ein wenig anders als man es aus seinen vorigen Büchern kennt. Allerdings noch mal der dringende Tipp: unbedingt gut und konzentriert bei der Sache sein, und das nicht erst am Ende! Sonst besteht die Gefahr, dass man sich verzettelt, nicht mehr durchsteigt und verwirrt zurückbleibt.


Titel: Der Nachtwandler
Autor: Sebastian Fitzek
Seiten: 320
Verlag: Droemer
ISBN: 978-3426503744
Preis: € 9,99 (TB)

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