«

»

Mai 15

Rezension – Wild (Lena Klassen)

wildGezähmte Gefühle. Eine Welt ohne Krankheit und Kummer. Kein Leid und keine Leidenschaft. Einmal wöchentlich bekommt jeder in „Neustadt“ seine Glücksinjektion. Trotzdem ist die siebzehnjährige Pi nicht so glücklich wie alle anderen. Stimmt etwas nicht mit ihr? Oder warum darf sie nicht mit Lucky zusammen sein, ihrem besten Freund? Anders zu sein ist gefährlich, denn hinter dem Zaun, der „Neustadt“ umgibt, liegt die Wildnis. Dort herrschen noch Krankheit und Gewalt – und dorthin werden alle verbannt, die aus der Reihe tanzen. Dann geschieht etwas Unfassbares: Die Glücksdroge versagt. Und plötzlich steht Pi vor der Entscheidung ihres Lebens: Liebe oder Freiheit?

Dieses Buch war eine Zufallsentdeckung. Mit seinem schönen Cover hat es mich sofort aufmerksam und neugierig gemacht. Ich bin zwar für Dystopien kaum mehr zu haben, doch „Wild“ war mir eine Ausnahme wert.
Quasi der erste Teil belohnte mich für diese Ausnahme. Pis Welt und die ihrer Freunde gefiel mir gut. Sie ist schön modern und oft sogar sehr fututristisch. So nutzen die Kids zB sogenannte „Toms“, eine Art supermodernes Handy. Und sie fahren Autos, denen man nur noch sagen muss, wohin man möchte. Das sind Elemente einer Zukunft nach meinem Geschmack. Zudem leben die Kids nicht wesentlich anders als heute. Freunde, Partys und die Schule spielen die wichtigsten Rollen für sie. Man liest genau genommen eine weitgehend normale Teenager-Geschichte. Das ist etwas, das ich mag.
Das Besondere an Pis Welt ist, dass jeder regelmäßig etwas gespritzt bekommt, dass die „Welle“ genannt wird. Eine Substanz, die die Menschen glücklich macht. Andere Empfindungen gibt es dadurch nicht. Keine Trauer, keine Angst, keine Zweifel. Ich muss gestehen, dass mir das zunächst gefallen hat. Mir sind auf unechte Weise glückliche Charaktere allemal lieber als solche, die niedergeschlagen im Elend leben. Solche trifft man in diesem Genre ja viel häfuiger an.
Doch bald ereignen sich einige grausige Unfälle. Und wenn man dann mitbekommt, wie gelassen die meisten Menschen dank der „Welle“ darüber hinweg gehen, kommt man doch ins Grübeln und kann ein Schaudern kaum verhindern.
Das größte Problem ist jedoch, dass die „Welle“ bei Pi nicht wirkt. Das ist gefährlich, das sie deshalb auffällig werden könnte. Dann würde man sich in die Wildnis schicken. Die waldige Gegend jenseits des Zauns, der die Stadt umgibt. Dorthin werden beispielsweise auch Verbrecher gebracht.
Und auch wenn man in der Stadt das Geüfhl der Angst nicht kennt, weiß man doch, dass es dort gefährlich ist. Da aber nicht nur Pi Gefühle an sich entdeckt, sondern auch einige ihrer Freunde, und da sie erkennen müssen, dass Gefühle auch schön sein können, planen sie ihre Flucht in die Wildnis.
Das ist gefährlich und waghalsig. Daher gibt es gleich mehrere spannende Szenen, deren Verlauf schlicht grausig und brutal ist.
Letztlich verschlägt es nur Pi und ihren Kumpel Orion in die Wildnis.
Ich muss gestehen, dass ich mich ab diesem Punkt schwerer mit der Geschichte getan habe als noch zu Beginn. Leben im Wald, Menschen auf der Flucht, die ihre Nahrung erst erlegen müssen und Kräuter zur Heilung sammeln…das ist einfach nicht mein Ding. Schon mal lange nicht, wenn man eine solche Moderne wie in der Stadt noch in Erinnerung hat.
Da aber Pis Freund Lucky in der Stadt geblieben ist, bestand zum Glück noch eine Verbindung dorthin. Zudem ist es interessant zu verfolgen, wie Pi und Orion sich mit ihren Gefühlen arrangieren und anfreunden. Manchmal ist das schier unglaublich, wenn man liest, wie schwer sie sich mit Empfindungen tun, die für uns völlig normal sind. Beispielsweise die Liebe, die Pi für Lucky empfindet. Wobei ich ihre Entscheidungen in dieser Hinsicht oft nicht nachvollziehen konnte. Ja, sie liebt ihn, aber von seiner Seite kam für mich so gut wie gar nichts von diesem Gefühl rüber. So ging mir Pi mit ihren „Lucky hier, Lucky da“ schnell auf die Nerven. Vor allem weil sie in der Wildnis nicht das schlechteste Leben hat, so schlicht es auch ist.
Doch Gefühle folgen ihrer eigenen Regie und so kommt es zu einem spannenden Finale, bei dem ungeahnte und erschreckende Tatsachen ans Licht kommen. Da kann man nur ungläubig und fassungslos den Kopf schütteln. Und sich freuen, dass man heute alle nur denkbaren Gefühle haben darf und glücklich, traurig oder wütend sein darf, wann man möchte. Ich habe mir darüber noch nie Gedaken gemacht, aber eine Welt ohne Gefühle kann ehrlich gefährlich und grausig sein. Das führt einem „Wild“ gut vor Augen.

Anfangs lässt sich „Wild“ zügig lesen. Doch als die Unfälle geschehen und waährend der Zeit in der Wildnis sollte man sich Zeit dafür nehmen. Nur so entfaltet die Geschichte ihre volle Wirkung. So erschreckend diese oft auch ist.

Ich mag das Düstere mit den leuchtenden Farben besonders an diesem Cover. Aber auch der geheimnisvolle blick des Mädchens, der zwischen Schüternheit und Aufbegehren schwankt, zieht sofort Aufmerksamkeit auf sich. Er gibt Pis Gefühlswelt gut wider.

Fazit: Mir hat „Wild“ gut gefallen, das es in einer futuristischen Welt spielt und zunächst eine recht normale Teenager-Geschichte ist. Zudem fand ich die Problematik mit den Gefühlen interessant und unerwartet erschreckend. Gerade, weil Gefühle für uns so normal sind. Erstaunlich welch ein Chaos Gefühle bei jemandem verursachen können, der sie nicht kennt. Das hat mich über die „Wildnis“-Kapitel hinweggetröstet, die nicht so Meins waren.

Vielen Dank an den Drachenmond Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares!


Titel: Wild
Autor: Lena Klassen
Seiten: 384
Verlag: Drachenmond Verlag
ISBN: 978-3931989798
Preis: 14,90 (Broschiert)

amazonbutton

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

%d Bloggern gefällt das: