«

»

Nov 24

Rezension – Rosendorfer muss dran glauben (Rüdiger Bertram)

rosendorferAls Moritz für einen Buchverlag urban legends erfinden soll, klingt das wie ein Traumjob. Seltsam findet er nur, dass seine Geschichten auf einmal ein Eigenleben entwickeln. Der Albtraum beginnt, als Moritz einen Mord erfindet, der im Anschluss wirklich geschieht. Gibt es jemanden, der seine Geschichten in die Tat umsetzt? Welche Rolle spielt sein Verleger? Und wo liegt die Grenze zwischen Fantasie und Realität?

Der Klappentext dieses Buchs sprach mich sofort an. Ich mag es sehr gerne, wenn erfundene Geschichten plötzlich auf böse Art Wirklichkeit werden. Leider muss ich im Nachhinein sagen, dass mich „Rosendorfer“ nicht vom Hocker gehauen hat. Und das hat nichts mit zu hoch gesteckten Erwartungen zu tun.
Das Besondere an dieser Geschichte ist, dass sie aus der Perspektive eines Unbekannten erzählt wird, der mit akribischer Genauigkeit Moritz‘ Leben beobachtet. An sich eine gute Idee. Ein Buch, das durchgängig so geschrieben ist, habe ich -soweit ich mich erinnere- noch nie gelesen. Deshalb gefiel mir das zunächst.
Allerdings nur so lange bis ich bemerkte, dass auf diese Weise immer eine spürbare Distanz zu Hauptperson Moritz erhalten bleibt. Man beobachtet ihn ja quasi. Genau wie der Stalker. Man erlebt, wie er lebt, wie er handelt und was er sagt, aber das Warum dahinter bekommt man natürlich nie beantwortet. Man kann nur vermuten, was er warum wie macht und was er warum zu wem sagt. Aus dem, was ich so „von außen“ über ihn erfahren habe, habe ich schnell geschlossen, dass Moritz nicht mein Fall eines Protagonisten ist. Mir kam er zu naiv vor, ein Tagträumer, der in den Tag hineinlebt, immer auf den großen Durchbruch hofft und dabei nicht merkt, dass ihm wichtige Dinge seines Lebens entgleiten. Ein gewisses Maß an Verstand erwarte ich von einer Hauptfigur halt schon.
Vielleicht hätte ich mich mit ihm anfreunden können, wenn ich einen Einblick in seine Gedanken und Gefühle gehabt hätte. Doch das verhindert besagte Erzählperspektive. So blieb es dabei, dass ich mit Moritz bis zum Schluss nicht warmgeworden bin.
Da fand ich seinen neuen Chef vom Hypothesen Verlag deutlich interessanter. Bei ihm gefiel es mir, dass er so undurchschaubar war. Denn so kann man gut knobeln, was es mit ihm auf sich hat, wer er tatäsächlich ist und was er vor hat. Ich hatte da gleich mehrere Theorien und war die ganze Zeit neugierig, ob ich richtig liegen würde. Leider werden die Hintergründe dieser Figur nicht näher beleuchtet. Da hätte ich mir das Grübeln gut sparen können.
Die Geschichten, die Moritz erfindet und die dann plötzlich wahr werden, sorgten kurz für ein bisschen Spannung. Wie gesagt, sowas mag ich einfach total gerne. Es wird aber nur vergleichsweise kurz darauf eingegangen. Schnell stehen Moritz‘ Panik deswegen und seine Bemühungen im Mittelpunkt, diese Sache irgendwie zu beenden. Spannung wollte bei mir aber auch dabei nicht aufkommen. Selbstverständlich habe ich mich gefragt, ob er es schafft und wenn ja, wie. Aber mehr nicht. So richtig mitfiebern kann ich nur, wenn ich spüre, dass eine Figur Angst hat und verzweifelt bemüht ist, solches Geschehen zu beenden. Und das funktioniert mit besagter Distanz zwischen dem Stalker und Moritz nun mal nicht.
Am Ende kommt zwar ein wenig Tempo in die Geschichte, doch das fällt im Vergleich kaum ins Gewicht. Zudem fand ich das Ende doch etwas sehr weit hergeholt. Und zu allem Überfluss ist der Schluss auch noch recht offen gehalten. Insofern könnte es durchaus eine Fortsetzung geben. Oder eben einen zweiten Teil, vielleicht mit einem neuen Opfer für den Stalker. Muss denn heute jedes Buch eine Chance auf Weiterführung haben?

Beim Lesen hat die ungewöhnliche Perspektive den größten Reiz ausgemacht. Dieser Beobachter erzäählt zwar sehr genau, aber doch ziemlich locker. Das liest sich gut. Glücklicherweise gibt er Dialoge auch als Dialoge wider, statt von ihnen zu berichten. Das lockert ebenfalls auf. Die Kapitel sind relativ kurz, da kann man auch mal ein paar mehr am Abend lesen. Ich habe mir die Einteilung des Buchs in drei Teile zum abendlichen Pesum gemacht.

Wer ist die Gestalt auf dem Cover? Ich tippe auf Moritz, aber sicher kann man nicht sein. Irgendwie passt das zu den Charakteren, die man auch nicht so richtig kennenlernt. Davon abgesehen passt der dunkle Look mit den leuchtend roten Klecksen gut zu einem Thriller / Krimi.

Fazit:  „Rosendorfer muss dran glauben“ hat mich leider nicht umgehauen. So außergewöhnlich und interessant diese Erzählperspektive auch ist, sie verhindert auch jegliche Nähe zu Moritz und den übrigen Figuren. Und wenn ich mich nicht in die Charaktere einfühlen kann, kann ich auch nicht mit ihnen bangen, hoffen oder mitfiebern. Genau das erwarte ich aber, wenn ich ein Buch lese, das sich als „Thriller“ bezeichnet.

Vielen Dank an den Oetinger Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Titel: Rosendorfer muss dran glauben
Autor: rüdiger Bertram
Seiten: 222
Verlag: Oetinger Verlag
ISBN: 978-3789131981
Preis: € 12,95 (TB)

amazonbutton

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

%d Bloggern gefällt das: