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Nov 27

Rezension – Angstspiel (Birgit Schlieper)

angstspielEs beginnt ganz harmlos: Linda lernt einen Typen im Schüler-Chatroom kennen – höflich, unaufdringlich, angenehm. Natürlich verrät Linda ihm nicht ihre privaten Daten, schließlich ist sie nicht blöd. Doch sie hat die Heimtücke des Unbekannten unterschätzt: Lästige Emails und kitschige Blumenbotschaften gipfeln in einer gehässigen Schmierkampagne. Linda fühlt sich beobachtet, verfolgt, wird fast verrückt vor Angst. Und der Stalker lässt nicht locker – im Gegenteil: Er befindet sich in tödlicher Nähe.

Nachdem mir „Böser Traum“ so gut gefallen hatte, kam schnell der zweite Thriller von Birgit Schlieper an die Reihe.
„Angstspiel“ hält sich mit langen Vorreden nicht auf. Man ist sofort mitten im blutigen Geschehen. Linda hat eine Scheibe eingeschlagen und sich dabei so sehr verletzt, dass der Krankenwagen gerufen werden muss. Es ist zwar schnell klar, dass sie die Scheibe eingeschlagen hat, weil jemand etwas darauf geschmiert hat, von dem sie sich bedroht fühlt, aber was genau dahinter steckt, das erfährt man erstmal noch nicht. Für sowas habe ich dann immer zu wenig Geduld. Deshalb musste ich einfach weiterlesen.
Man erfährt, dass Linda im Chat einen Typen kennengelernt und ihm leichtsinnigerweise ihre Namen und ihre Mailadresse verraten hat. Anfangs verstehen sie sich super, Linda ist sogar ein wenig verliebt. Dann verschwindet der Typ online plötzlich und verlegt sich stattdessen darauf, sie im richtigen Leben zu terrorisieren.
Als das klar wurde, hatte ich zunächst ganz schön Angst, dass die Geschichte nun ewig drauf herumreiten würde, wie böse doch das Internet und Chats sein können. Das stimmt sicher irgendwo, aber ich mag es nicht, wenn mir das ewig vorgehalten wird. Deshalb war ich erleichtert als sich herausstellte, dass es zwar der Aufhänger der Geschichte ist, darauf aber kaum tiefer eingegangen wird. Für einen Thriller wäre das meiner Meinung nach auch nicht nötig gewesen.
Mit Lindas Einstellung habe ich mich anfangs etwas schwer getan. Wenn ich mich so bedroht fühle und dermaßen verängstigt bin wie sie, dann suche ich mir doch Hilfe! Vor allem, weil sie sich ja sicher ist, ihren Vater würde es nur ein paar Klicks kosten und er hätte den Verrückten. Ehe man in solchem Terror weiterlebt, gibt man doch einen Fehler zu (das Herausgeben des Namens und der Mailadresse) und hat danach höchstwahrscheinlich seine Ruhe!
Aber Linda ist sechzehn Jahre alt, da denkt man vielleicht nicht so vernünftig. Vor allem, wenn man wie sie nicht gerade vor Selbstbewusstsein strotzt, eher schüchtern ist und teilweise ganz schön im Schatten der schönen und energiegeladenen Zwillingsschwester steht. Von dieser Seite aus betrachtet, konnte ich es irgendwo nachvollziehen, dass sie versucht, sich der Sache selber zu stellen. Doch das ist gefährlich!
Mir hat es sehr gut gefallen, wie eindrucksvoll Lindas Angst beschrieben wird. Sehr bildhaft, mit vielen Vergleichen und Schilderungen, die einem im Nu eine Gänsehaut bereiten und denen man amerkt, dass Lindas Angst immer schlimmer wird. Ich konnte mich so sehr gut in sie einfühlen und habe ihre Panik teilweise selber gespürt. Neben ihren panischen Gedanken ereignen sich zudem immer mal bestimmte Vorfälle, die einfach grausig sind. Auf gewisse Weise habe ich Linda somit auch bewundert. Ich glaube, ich an ihrer Stelle hätte bereits früh kapituliert und entweder doch jemanden um Hilfe gebeten, oder mich nur noch in meinem Zimmer vergraben und darauf gehofft, dass ein Wunder geschehen wird. Zudem kann man prima verfolgen, wie allmählich Lindas Umfeld wegbricht bis sie schließlich ganz alleine dasteht. Es lässt einen schaudern, wie schnell so etwas gehen kann.
Die Wendung kurz vor dem Ende hat mich überrascht. Mir war zwar schon vorher mal eine Idee in die Richtung gekommen, aber ich konnte mir nicht vorstellen, in welchem Zusammenhang das mit dem Terror stehen sollte, dem Linda ausgesetzt ist. Somit fand ich diese Überleitung zum tatsächlichen Ende ein bisschen holprig, auch wenn mir so ein Dreh bisher sonst in noch keinem Thriller begegnet ist.
Das Ende selbst hat mir dagegen wirklich ganz ausgezeichnet gefallen. Ich mag Geschichten um solche Vergehen an Menschen ausgesprochen gerne. Das war ganz nach meinem Geschmack. Außerdem belohnt einen dieses Ende, wenn man zuvor mitgeknobelt hat, wer aus Lindas Umfeld womöglich mit dem Geschehen zu tun haben könnte. Da muss man dann aber schon gut aufgepasst haben. Ich habe die Verbindungen zuvor nicht eine Minute lang als verdächtig angesehen.

Ich habe das Buch an einem Abend gelesen, weil ich es einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte. Da Linda selbst erzählt, ist der Ton recht jugendlich. Sie findet aber auch die richtigen Worte um dem Leser die Ernsthaftigkeit ihrer Situation, Gefühle und Gedanken zu vermitteln. Das liest sich zum Teil -vor allem in Dialogen- sehr flott, zum wesentlichen größeren Teil aber auch ausgesprochen eindringlich. Davon kommt man so leicht nicht los. Mir ist es gar nicht gelungen.

Auf dem Cover mit seinen Punkten guckt man sich schwindelig. Der schwarze Hintergrund passt gut zu einem Thriller. Was allerdings die Clownsfigur mit der Geschichten zu tun hat, kann ich nicht erkennen. Aber ich gehöre zu den Menschen, die Angst vor Clowns haben. Und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Also wird er sicher dem einen oder anderen einen kleinen Schauer über den Rücken jagen. Das widerum sollte einem bei einem Thriller ja auch so gehen.

Fazit:  Auch wenn ich Lindas Entscheidung anfangs nicht wirklich nachvollziehen konnte, hat mir der Thriller doch so richtig Spass gemacht. Er ist super spannend und vermittelt einem Lindas Angst so eindringlich, dass man sie selber spüren kann. Das hat mich über die für mich etwas holprige Überleitung zum Ende hinwegsehen lassen. So konnte ich das Buch nicht eher aus der Hand legen bis ich es ausgelesen hatte. Ein klare Thriller-Empfehlung von mir!


Titel: Angstspiel
Autor: Birgit Schlieper
Seiten: 336
Verlag: cbt
ISBN: 978-3570160848
Preis: € 9,99 (broschiert)

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