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Jan 18

Rezension – Die Wahrheit ist ein Schlund (Maria Zaffarana)

wahrheitschlund„Du beobachtest uns ja. Warum? Was geht dir durch den Kopf?“ Diese unerwartete Frage seiner dominanten, überlauten Mutter nimmt der zwölfjährige Tim zum Anlass, seine ahnungslosen Liebsten mit seinen ureigensten Gefühlen zu konfrontieren. „Ihr ekelt mich an“ gesteht er seiner Familie unbedarft und aufrichtig – und entfesselt damit einen gewaltigen Sturm, der alle mitreißt und Tims Kindheit gründlich durcheinander wirbelt. Nach einem Reigen endloser Therapieversuche gelangt er zu der bitteren Erkenntnis, dass die Wahrheit keine Tugend, sondern ein Schlund ist, in den hineinzufallen sich nur wenige trauen.

An diesem Buch reizte mich das schöne Cover mit dem weißen Kaninchen. Beides macht neugierig, was dahinterstecken könnte.
Für mich steckte etwas völlig Unerwartetes dahinter! Nämlich die Geschichte um einen zwölfjährigen Jungen nanems Tim, der seiner Familie eines Tages freimütig gesteht, dass er sich vor ihr ekelt.
Mit dem Begriff „Ekel“ habe ich mich etwas schwer getan. Ich ekel mich zB vor Krabbeltieren, unangenehmen Substanzen und mitunter vor scheußlichen Gerüchen, aber nicht vor dem Wesen von Menschen. Deshalb habe ich Tims Ekel für mich bald in Widerwillen seiner Familie gegenüber übersetzt. Oder auch, dass sie ihm eben unangenehm bis peinlich ist.
Ein stückweit konnte ich das nur allzu gut nachvollziehen. Die Mutter hält die gesamte Familie resolut in Schach und ist stets darauf bedacht, dass nach außen alles normal und harmonisch wirkt. Der Vater dagegen traut sich kaum, auch nur ein Wort zu sagen. Und Tims Schwester stopft Massen an Essen in sich hinein. So ganz normal ist das alles nicht. Jeder von ihnen lügt sich gewissermaßen etwas über ihr Leben zusammen.
Andererseits machen sie aber auch auf ihre ganz eigene Art das Beste aus dem Elend, das ihr Leben ist. Deshalb war ich unentschlossen, ob man das verurteilen sollte. Das muss jeder Leser für sich entscheiden. Ich persönlich konnte nicht alles mit dem verkorksten Leben von Tims Familie entschuldigen.
Dafür konnte ich Tim oft gut verstehen. Als er als Erster in seiner Familie mit der bösen Wahrheit herausrückt, tut sich für ihn wirklich ein Schlund auf, in den er stürzt. Fortan wird er von einem Psychologen zum nächsten geschleppt. Da tat er mir wirklich leid, und über die Psychologen habe ich nur den Kopf schütteln können. Über Tim aber auch. Denn ein ganz normales Kind ist er in meinen Augen wirklich nicht. Und ich fand auch, dass er es sich oft selbst unnötig schwer macht. Für einen Zwölfjährigen ist sein Verhalten häufig extrem seltsam.
Und auch in den Kapiteln, in denen er von seinem Leben als Erwachsener erzählt, habe ich mich fast durchgängig über ihn gewundert. Irgendwie hätte ich doch erwartet, dass er aus dem Elend seiner Kindheit gelernt hat. Aber er ist immer noch ein ziemlicher Eigenbrötler mit teilweise wunderlichen Ansichten und Angewohnheiten. Dabei macht er andererseits einen ganz intelligenten Eindruck. Wieso also ist es ihm dann nicht gelungen, sich ein ehrlicheres Leben aufzubauen? Ich bin kein Anhänger der Theorie, dass eine schlimme Kindheit einem automatisch auch ein schweres Leben im Erwachsenenalter beschert. Vielleicht konnte ich den erwachsenen Tim deshalb nicht verstehen? Gut möglich.
Allerdings habe ich wirklich bis zum Schluss gehofft, dass doch noch alles ins Reine kommen würde. Somit hatte die Geschichte für mich durchaus etwas Spannendes an sich und ich habe mich neugierig hindurch gelesen. Ich hatte es mir nur irgendwie witziger vorgestellt. Irgendwie versprach mir die Inhaltsangabe auch einen Schuss Humor.

„Die Wahrheit ist ein Schlund“ liest nicht nich gerade leicht. Tim hat oft eine arg umständliche und komplizierte Art zu denken und entsprechend auch zu erzählen. Wer eine jugendlich lockere Erzählweise erwartet, sollte sich vorsehen. Hinzu kommt noch, dass man Dialoge eher selten findet. Dafür ergeht sich Tim gerne in ausführlichen und abschweifenden Schilderungen. Wäre das Geschehen nicht so schräg, kaputt und skurril gewesen, alleine vom Lesen her, hätte ich womöglih schnell kapituliert.

Das Cover gefällt mir immer noch. Mit der nächtlichen Szenerie wirkt es schön geheimnisvoll, ja, sogar ein wenig unheimlich mit den Grabsteinen. Und welche Rolle spielt das weiße Kaninchen? Das macht neugierig.

Fazit:  Die Wahrheit kann tatsächlich ein Schlund sein. Das hat sicher jeder schon mal erlebt, der sie mehr oder minder unbedacht ausgesprochen hat. Diese Geschichte zeigt das nochmal ganz deutlich auf. Man hat reichlich Gelegenheit zum Wundern und Staunen bei dieser Familie. Leider schließt das Tim mit ein. Natürlich tat er mir als Kind oft leid, aber er macht es sich selbst auch unnötig schwer. Und wieso er nicht mal als Erwachsener etwas dazu gelernt hat, habe ich ebenfalls nicht verstanden. Mir hat hier eine Figur gefehlt, die ich wirklich rundum mochte.


Titel: Die Wahrheit ist ein Schlund
Autor: Maria Zaffarana
Seiten: 141 Seiten (geschätzt)
Format: Kindle Edition
Preis: € 3,19

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  1. Gelesen 2013 | Leserattes Blog

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