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Feb 22

Rezension – Die Pfanne brät nicht! – Eine Kassiererin rechnet ab (Alice Diestel)

diepfanneDer Discounter – ein Irrenhaus Der eine verbittet sich das Anfassen seines Toastbrots, ein anderer wählt vor dem Kühlregal den Käse mit Hilfe eines Pendels aus. Der Nächste möchte Waren umtauschen, die sich schon seit Jahren nicht mehr im Sortiment befinden. Und zu all diesen Kunden muss die Kassiererin immer schön freundlich sein, obwohl sie sie in den Wahnsinn treiben. Zeit für Alice Diestel, sich Luft zu machen: eine ebenso böse wie witzige Abrechnung mit dem merkwürdigen Verhalten von Otto Normalverbraucher beim Einkauf.

Da ich selber seit über 15 Jahren als Kassiererin arbeite, kam ich an diesem Buch natürlich nicht vorbei. Dem Lebensmittel-Einzelhandel bin ich zwar seit einiger Zeit entkommen, aber erstens erinnere ich mich noch sehr gut an die Zeit und die Kunden und zweitens bleibt Kunde einfach Kunde, ganz egal wo.
Neues hat mir Alice Diestel in diesem Buch somit zwar nicht erzählt, aber darum geht es hier auch nicht. Jedenfalls nicht für mich. Ich lehne mich mit einem solchen Buch einfach gerne zurück und genieße das Wissen, dass es anderen Kolleginnen in diesem Job kein Stück besser geht als mir. Das ist beruhigend. Und schön, weil man lesend von all diesen Situationen zum Glück gerade nicht wirklich betroffen ist. Da kann man tatsächlich über viele Dinge lachen, bei denen einem live eher der Blutdruck in astronomische Höhen schießen würde.
Natürlich kennt man all diese Zwischenfälle mit den Kunden nur zu gut. Da fällt es super leicht, sich in Alice hineinzuversetzen und mit ihr zu fühlen. Wie oft habe ich beim Lesen wissend genickt, ungläubig den Kopf geschüttelt (manche Dinge erlebt man dutzendfach und mag sie trotzdem noch immer nicht glauben), oder mich ehrlich genauso aufgeregt wie ich es in Alice Situation getan hätte.
Ich bin unsicher, ob dieses Buch auch von Leuten gelesen wird, die nicht in diesem Beruf arbeiten, aber ich hoffe es. Und ich hoffe weiterhin, dass sie sich damit einfach mal den Spiegel vorhalten lassen. Dass sie dadurch vielleicht erkennen, dass Kassiererinnen nicht in diesem Job arbeiten, weil sie für anderen Berufe zu dämlich sind. Dass sie diverse abgedroschene Sprüche, die man so von seinen Kunden hört, ums Verrecken nicht mehr witzig finden. Oder auch, dass wir uns keineswegs mit ein paar Groschen in der Kasse durch den Tag kämpfen und deshalb vor lauter Dankbarkeit über eine handvoll Kleingeld schier in Tränen ausbrechen müssen. Um nur drei Beispiele zu nennen aus dieser Masse, die das Buch dem durchschnittlichen Kunden mit auf den Weg gibt.
Weiterhin hoffe ich, dass diese Leser das Buch nicht als Angriff werten. So ist es sicher nicht gemeint, sondern eben als ein deutlicher Fingerzeig darauf, was sich tagtäglich in unzähligen Supermärkten auf beiden Seiten des Kassentresens abspielt. Und vielleicht ist der eine oder andere so ehrlich zu sich selber, sich einzugestehen, dass er sich ein paar Dinge ebenfalls schon geleistet hat. Dann könnte er sich ja demnächst bessern…
Meine letzte Hoffnung gilt Alice Diestel weiterer Karriere als Autorin. Es gibt nämlich bereits ein anderes Buch, in dem eine Kassiererin ihren Job und ihre Kunden aufs Korn nimmt. Wenig später erschien von dieser Autorin ein zweites Buch, in dem sie den Kunden quasi an die Hand nimmt und ihm zeigt, wie toll so ein Supermarkt doch ist, was dort wie gerne für ihn getan wird und wie er zu einem stressfreien Einkauf kommt, bei dem ihm das Personal natürlich nur zu gerne zur Seite
steht. Ich habe das Entschuldigung an die Kunden für das vorige Buch empfunden und war bitter enttäuscht.
Bitte, Alice Diestel, lass‘ es einfach so stehen, dass die Kunden sich oft wie eine offene Hose benehmen. Es stimmt! Punkt! Da sollten eher die sich entschuldigen.

Es war eine lange Lesenacht, aber ich konnte einfach nicht mehr aufhören zu lesen. Das Buch ist sehr witzig geschrieben und ich habe so viel aus meinem Berufsleben darin wiedergefunden, dass es einfach nur Spass gemacht hat mich durch die Seiten zu schmökern. Die witzigen Titel der Kapitel laden zusätzlich dazu ein.

Das Cover finde ich gelungen. Es sieht witzig aus und zeigt eine ziemlich normale Szene aus dem Alltag einer Kassiererin.

Fazit:  Wer in diesem Job arbeitet, der wird seine helle Freude an dieser witzigen Abrechnung haben. Ist das schön zu sehen, dass es keinem von uns besser geht als den anderen. Das tröstet und beruhigt gleichermaßen. Von allen anderen Lesern erhoffe ich mir, dass sie das Buch nicht als Angriff werten, sondern eben als den vorgehaltenen Spiegel, das es ist. Und dass sie sicher das eine oder andere daraus für den nächsten Einkauf mitnehmen.


Titel: Die Pfanne brät nicht – Ein Kassiererin rechnet ab
Autor: Alice Diestel
Seiten: 208
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3499620454
Preis: € 8,99 (TB)

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1 Kommentar

  1. Bianca81

    Ich werde das Buch auch irgendwann noch lesen. Ich arbeite zwar nicht im Supermarkt, aber seit 7 Monaten in einer großen Postbankfiliale an einem Bahnhof. Ich habe neulich zu meinem Freund gesagt, dass ich erschüttert bin, wieviel Dummheit ich dort tagtäglich begegnen muss… Die meisten Kunden sind ja wirklich nett, aber es gibt auch leider viele, die unfreundlich, unverschämt, aggressiv oder einfach nur unfassbar dämlich sind. Leute flippen wegen Kleinigkeiten aus und schreien einen für Dinge an, für die man überhaupt nichts kann. Dazu die völlig Weltfremden, die meinen, sie müssen für nichts bezahlen oder einen Finger krumm machen. („Ich will das hier verschicken.“ – „Ähm, ja, da brauchen Sie einen Umschlag und den müssen Sie dann noch adressieren.“ – „Wieso, machen Sie das nicht für mich?“ Oder: „Was, ein Nachsendeauftrag bei der Post kostet was? Das ist ja die Höhe!“) Ich kann mir gar nicht vorstellen, 15 Jahre in diesem Beruf zu arbeiten, ich bin bereits nach 7 Monaten am Ende mit meinen Nerven. Ich komme oft heim mit einer unglaublichen Wut im Bauch. Anfangs dachte ich noch, wow, die alteingesessenen Kollegen sind manchmal ganz schön unfreundlich zu den Kunden. Aber ich muss leider sagen, dass auch ich schnell lernen musste, dass bei manchem Kundenverhalten für mich die Schmerzgrenze erreicht ist und ich nicht mehr freundlich bleiben kann und will. Für sowas muss man wohl geboren sein, ich bin’s jedoch nicht. Ich bewundere jeden, der da ruhig und freundlich bleiben kann und sowas nicht an sich ranlässt.

    Versteh mich nicht falsch, ich bin den Umgang mit Menschen gewöhnt und würde auch nicht gerne komplett kontaktlos irgendwo im Büro verschimmeln. Habe früher in einer kleinen Bank auf dem Dorf gearbeitet, da waren die Leute ganz anders, man ist freundlich miteinander umgegangen und hatte Respekt voreinander, da hat das Spaß gemacht. Aber in so einer „Durchlaufstelle“ wie Supermarkt oder Post, noch dazu mit dem Durchgangsverkehr vom Bahnhof, wo eben jeder durchlatscht vom Professor bis zum Obdachlosen, sieht das halt anders aus. Ich bin ich einfach nur froh, wenn ich wieder aus aus dieser Kundenhölle entkommen kann! Die Leute wissen oft gar nicht, wie scheiße sie sind! Ich achte seitdem dreifach darauf, freundlich zu sein, wenn ich selbst Kunde bin. Obwohl ich sowieso schon immer eher so ein Kunde war, der sich von selbstbewussten Dienstleistern unterbuttern lässt. 😉

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