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Jun 08

Rezension – Das alte Kind (Zoë Beck)

Als Fiona zu sich kommt, liegt sie in ihrer Badewanne, das Wasser rot von ihrem Blut. Später behauptet sie, jemand hätte versucht, sie umzubringen. Doch niemand glaubt ihr. Es wäre nicht ihr erster Selbstmordversuch. Kurz darauf wird die Leiche ihrer Mitbewohnerin gefunden, die Fiona auffällig ähnlich sah. Hat Fiona womöglich doch recht und jemand hat es auf sie abgesehen?

Auf dieses Buch bin ich durch die Seite www.lovelybooks.de aufmerksam geworden, die unlängst eine Livestream-Lesung davon übertragen hat. Da der Inhalt ganz interessant klang, habe ich mir die Lesung also einfach mal angesehen und angehört. Ohne allerdings viel davon zu erwarten. Da standen mir einfach wieder meine Bedenken im Wege, ob eine Autorin solch eine Geschichte gut erzählen kann. Ich bin da seit je her immer mehr auf männliche Schriftsteller ausgerichtet.
Aber ich bin ja bereit, mich belehren zu lassen, und das ist Zoë Beck mit „Das ate Kind“ auch sehr schnell gelungen. Diese kurze Inhaltsangabe wird der Geschichte nämlich gar nicht gerecht. Was hier doch recht schlicht klingt, ist in Wirklichkeit wesentlich komplexer.  Denn die Handlung um Fiona ist nur ein Teil der Geschichte, eigentlich gibt es nämlich mindestens zwei Handlungsstränge. Doch anfangs wirkt es nicht so, da dreht sich alles um Fiona, die angestrengt bemüht ist, herauszufinden wie sie in diese Badewanne gekommen ist und wer ihr die aufgeschnittenen Pulsadern zugefügt hat. Da ich dieses Prinzip mag, wenn Leute aus dem Schlaf, dem Koma oder einer Bewusstlosigkeit erwachen, nichts oder kaum noch etwas wissen, was ihnen aber leider niemand glaubt, fand ich diesen Teil ausgesprochen spannend. Zumal dieses Ereignis ja nur der Gipfel des Eisberges ist. Dahinter steckt noch ein deutlich tiefgehenderes, sehr zwischenmenschliches und psychologisches Problem, das seinen Höhpunkt im Mord an Fionas Mitbewohnerin findet.
Aber wie schon gesagt, da gibt es noch einen weiteren Teil der Geschichte, und der beginnt in den späten 70er-Jahren und reicht hinein bis in die späten 90er-Jahre. Und im Gegensatz zu Fionas Teil, der sich weitgehend in Edinburgh abspielt, ist man in diesem anderen Teil überwiegend in Berlin mit dabei. Hier dreht sich alles um Carla, die Frau eines bekannten Pianisten, die vor wenigen Wochen eine Tochter bekommen hat, dann wegen einer Erkrankung ins Krankenhaus musste, wo man sie wegen der Ansteckungsgefahr von ihrer Tochter trennte. Als Carla wieder gesund ist und man ihr ihre Tochter bringt, ist sie felsenfest davon überzeugt, dass dieses Baby eben nicht ihre Tochter ist. Davon ist sie von niemandem abzubringen und es ist gleichermaßen erschreckend, wie auch auf bizarre Art faszinierend, wie sie daran festhält, was sie alles auf sich nimmt um ihren Mann und sogar die Medien zu überzeugen und um Hilfe bei der Suche nach ihrer Tochter bittet. Was mich hier am meisten beeindruckt hat, das sind diese beiden Charaktere die Zoë Beck hier erdacht hat. Carla, die verzweifelte Mutter, die instinktiv spürt, dass dieses Baby eben nichts ihres ist. Und auf der anderen Seite ihr Mann Frederik, der seine Kinder natürlich schon liebt, mit Babys aber eben nichts anfangen kann und von daher auf Distanz bleibt bis er sich zumindest mit ihnen unterhalten kann (was seine Frau übrigens toleriert, getreu dem Motto „So ist er eben.“) Für ihn ist das Baby seine Tochter, denn irgendwie sehen Babys sich schließlich alle ähnlich und die verändern sich auch innerhalb kurzer Zeit, da ist es doch kein Wunder, wenn seine Tochter nach der Qurantäne anders aussieht…
Wohin diese Einstellung von Carla und ihr Bemühen letztlich führen, das ist quasi vorprogrammiert, sie wird psychisch krank darüber. Inzwischen ist das Baby herangewachsen und Frederik kann nun endlich etwas „mit ihm anfangen“, und so verkehren sich die beiden Charaktere ins Gegenteil. Frederik, der liebende Vater, Carla, die ablehnende Mutter
Doch mit diesem Kind hat es noch etwas viel Dramatischeres auf sich, was ich hier aber nicht erwähnen möchte, sonst würde ich wohl zu viel verraten.
Diese beiden Handlungsstränge wechseln sich im Buch ab und nach und nach findet man heraus, dass es zwischen ihnen eine Verbindung gibt. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man schon einen oder mehrere Zusammenhänge erahnt, dann aber wieder von Carla und Fiona liest, die ja nicht auf dem gleichen Stand sein können wie man selber, weil sie ja voneinander wissen. Das macht die Sache sehr spannend und interessant und ich jedenfalls habe das Buch nur sehr ungerne zwischendurch mal beiseite gelegt. Diese Zusammenhänge, die schon sehr speziellen und -jeder auf seine Art- ungewöhnlichen Charaktere, das heikle Thema Gentechnik, das hier eine Rolle spielt, und die Möglichkeit als Leser kombinieren zu können, all das hat mir „Das alte Kind“ zu einer spannende und unterhaltsamen Lektüre gemacht.

Das Buch liest sich recht leicht, ich hatte es innerhalb weniger Tage ausgelesen. Gefallen hat mir besonders, dass die Teile, die von Carla handeln, in einer anderen Schriftart gedruckt und stets datiert sind. Das lockert beim Lesen zum einen das Text-Bild auf, zum anderen kann man so den Verlauf über die Jahren hinweg leichter erfassen. Außerdem war das für mich  z.B. eine gute Gelegenheit mir zwischendurch zu sagen: du liest jetzt noch bis zum nächsten Carla-Teil (wahlweise auch Fiona-Teil) und dann hörst du erst mal auf und erledigst andere Dinge, die noch anstehen.
Schön finde ich auch, dass Briefe auch genau so aussehen. Wie ein handschriftlich beschriebenes Blatt Papier eben. Auch das macht „Das alte Kind“ noch mal sehr speziell und weckt schon beim flüchtigen Durchblättern die Aufmerksamkeit.

„Das alte Kind“ ist ein Taschenbuch, also nicht meine bevorzugte Buchart. Da ich aber wie gesagt wegen der Autorin sehr skeptisch war, war ich darüber doch sehr froh. Denn da hat mich letzlich der Preis davon überzeugt, es doch mal auszuprobieren. Mit meinen Zweifeln hätte ich das Buch als teures Hardcover sicher nicht gekauft. Für einen Thriller ist das Cover ungewöhnlich hell, wie ich finde. Da hilft auch der dunkle Fußbodenausschnitt mit das Schaukelpferd nicht, das eher wie ein dunkler Schatten aussieht. Mein Fall ist es nicht, Thriller sollten dunkel aussehen. Aber es fällt zwischen den vielen dunklen Covermotiven in diesem Genre schon auf, hat also auch was für sich. Geschmackssache halt.

Fazit:   Ein sehr spannender Thriller, der mich mit einer abwechslungsreichen Handlung und interessanten Charakteren ein paar Leseabende lang sehr gut unterhalten hat. Thriller-Fans kommen hier sicher auf ihre Kosten.


Titel:  Das alte Kind
Autor: Zoë Beck
Seiten:  301
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-404-16443-1
Preis:  € 7,99

1 Kommentar

  1. zoe

    huch, das freut mich aber sehr! danke 🙂

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