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Mai 15

Rezension – Mein fremder Freund (Emma Haughton)

Mein fremder Freund (Emma Haughton)Im Alter von 13 Jahren verschwindet Hannahs bester Freund Danny – ohne eine einzige Spur zu hinterlassen. Drei lähmende Jahre voller Bangen und Hoffen später taucht er ebenso unvermittelt wieder auf. Verändert, ohne Erinnerung an die letzten drei Jahre, aber am Leben. Und das ist das Einzige, was zählt, denken Hannah und seine Eltern. – Zunächst. Denn nach und nach müssen sie erkennen, dass der Junge an ihrer Seite ihnen erschreckend fremd ist. Kann es wirklich sein, dass er sich so verändert hat? Oder ist dieser junge Mann womöglich gar nicht Danny?

Ich habe derzeit irgendwie kein Glück mit Büchern. Hoffentlich ist diese Strähne bald vorbei. So soll es bitte nicht weitergehen.  Wie die meisten Bücher zuvor, konnte auch „Mein fremder Freund“ nicht von sich überzeugen. Dabei klingt die Klappentext verheißungsvoll. Es ist schließlich eine schlimme Vorstellung, dass der beste Freund eines Tages einfach spurlos verschwindet. Welche Angst man in der Situation aussteht, das mag ich mir gar nicht vorstellen. Und wie hin- und hergerissen man sich fühlt, wenn er plötzlich wieder auftaucht, aber total verändert ist. Auch keine schöne Vorstellung.
Doch leider kam weder das eine noch das andere so bei mir an. Gut, die Geschichte verläuft zunächst zweigleisig. Ein Handlungsstrang spielt im Heute, drei Jahre nach Dannys Verschwinden. Dass Hannah da den größten Schrecken bereits hinter sich hat und ein Stück weit abgeklärt auf das Vergangene schauen kann, das kann ich nachvollziehen. Aber in dem Handlungsstrang, der vom Geschehen vor drei Jahren erzählt, da hätte ich mir doch eine gehörige Portion Dramatik mehr gewünscht. Dannys Eltern wirken sehr verzweifelt, das passt. Aber Hannah hat auf mich nur äußerst selten diesen Eindruck gemacht. Das fand ich schade, denn das hätte der Dramatik und Spannung sicher gut auf die Sprünge geholfen. Und unglaubwürdig fand ich es auch, wenn man immer wieder liest, dass Hannah und Danny doch wie Pech und Schwefel gewesen sein sollen. Hannah erwähnt ein paarmal, dass Danny sich vor seinem Verschwinden verändert hatte. Das wirkt gerade so, als wolle sie sein Verschwinden damit erklären. Dadurch habe ich von der angeblich innigen Freundschaft kaum etwas gespürt.
Nachdem es also geraume Zeit so unspektakulär zugeht, ereignet sich plötzlich ein Zwischenfall zwischen Hannah und ihrem Vater, bei dem man spürt, dass dahinter mehr stecken könnte. Etwas, das vielleicht auch mit Dannys Verschwinden zu tun hat. Damit hat man als Leser wenigstens einen kleinen Anhaltspunkt, an dem man mit dem Knobeln anfangen kann. Auf die Auflösung wäre ich allerdings im Leben nicht gekommen. Und ganz ehrlich, dass Danny deshalb verschwunden ist, das wirkte auf mich reichlich unlogisch. Da hätte ich andere Reaktionen glaubhafter gefunden.
Doch ehe die Wahrheit auf den Tisch kommt, taucht Danny plötzlich wieder auf. Da sollte man doch meinen, dass Hannah als beste Freundin außer sich vor Freude ist. Zumindest im ersten Moment. Aber nichts! Nicht mal für drei Sätze. Dass ihr danach Bedenken kommen, das habe ich verstanden. Aber im ersten Moment in dieser Situation, da hatte ich doch mehr spontane Freude erwartet. Auch um nochmal zu verdeutlichen, wie nahe die beiden sich mal standen.
Danny ist also zurück, aber völlig verändert. Seine Familie und Freunde bemühen sich redlich, darüber hinwegzusehen. Wer weiß schon, was Danny in den drei Jahren erlebt hat? In dieser Zeit kann so viel passieren, das einen Menschen verändert. Das stimmt zweifelsohne, aber was sich Dannys Familie und Hannah von ihm gefallen lassen müssen, das ich schlicht eine Frechheit. Und ganz ehrlich, bei allem „der verlorene Sohn ist zurück“-Glück, da wäre ein gehöriges Donnerwetter mehr als berechtigt gewesen. Und nicht nur einmal. Ich habe mich tierisch darüber aufgregt, dass sich Hannah und Dannys Eltern das alles von diesem halbwüchsigen Rotzlöffel gefallen lassen.
Das Ende selber hält keine große Überraschung bereit. Irgendwie hat man gewisse Dinge längst geahnt. Und das „Warum?“ um Dannys Verschwinden wirkte auf mich reichlich dünn und einmal mehr unglaubwürdig. Ein Dreizenjähriger, der sich solche Gedanken macht und solche Konsequenzen daraus zieht? Da gibt es anderen Formen der Rebellion, die ich nachvollziehbarer gefunden hätte.

Rein inhaltlich hat mich die Geschichte schon nicht bei Laune gehalten. Die überwiegend erzählenden Passagen haben mein Lesetempo zusätzlich ausgebremst, sodass ich mich jeden Abend überwinden musste, weiterzulesen. Und nicht mal die eigentlich knackig kurzen Kapitel konnten mich dazu verleiten, mehr als zwei oder drei zu lesen.

Das Cover gefällt mir soweit ganz gut. Als kleiner Wasserangsthase bereiten mir solche Motive ohnehin eine Gänsehaut. Aber es ist damit außerdem ein Bezug zur Geschichte gegeben, das gefällt mir auch. Das kann man nicht von jedem Cover behaupten. Und etwas düster und geheimnisvoll wirkt es auch. Das passt alles.

Fazit: Kurz und knapp: für mich fehlte es der Geschichte durchweg an Dramatik. Hannahs bester Freund verschwindet und trotzdem hatte ich beim Lesen das Gefühl als plätschere das alles nur so vor sich hin. Dann taucht Danny wieder auf und von Riesenfreude ist nicht mal in den ersten Momenten des Wiedersehens etwas zu spüren. Wie glaubwürdig ist das denn, bitte? Und obendrein musste ich mich noch darüber aufregen, was sich Hannah und Dannys Eltern alles von Danny gefallen lassen. Bei allem Verständnis für „Oh, der verlorene Sohn (Freund) ist zurück, jetzt bloß nichts falsch machen, sonst haut er wieder ab!“, Danny ist sechzehn Jahre alt und benimmt sich wie die Axt im Walde. Nein, das muss sich in meinen Augen niemand gefallen lassen, auch nicht in dieser Situation. Basta!


Titel: Mein fremder Freund
Autor: Emma Haughton
Seiten: 352
Verlag: cbt
ISBN: 978-3570402719
Preis: € 8,99 (TB)

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